Forschende haben im Rahmen einer aktuellen Studie erstmals beobachtet, wie Alpendohlen im Winterhalbjahr Kot verspeisen – sowohl ihren eigenen als auch den von Artgenossen. Dabei konkurrieren die Vögel mitunter sogar um ihre Hinterlassenschaften.

Das Fressen von Kot – wissenschaftlich als „Koprophagie“ bezeichnet – kennt man vor allem von Säugetieren. Einige, wie die Hasenartigen, sind sogar darauf angewiesen: Sie verspeisen ihren sogenannten Blinddarmkot, weil sie nur auf diese Weise wertvolle Nährstoffe daraus aufnehmen können. Bei wildlebenden Vögeln hingegen ist über Koprophagie weit weniger bekannt. Die meisten Beschreibungen beziehen sich auf Vögel, die Fäkalsäcke ihres Nachwuchses oder Hinterlassenschaften artfremder Tiere verzehren. Um ein ganz anderes Phänomen handelt es sich allerdings bei dem, was ein Forschungsteam in einer aktuellen Untersuchung dokumentierte: Erwachsene Tiere fressen ihren eigenen Kot – und den von gleichaltrigen Artgenossen.
Eine Zufallsbeobachtung als Ausgangspunkt
Die Studie hatte ihren Ursprung in einer Zufallsbeobachtung: In einem Untersuchungsgebiet in Berchtesgaden beobachtete Phyllis von Saucken im März 2024 erstmals, wie eine Alpendohle (Pyrrhocorax graculus) ihren Kot verspeiste. Die Biologin, die dort gerade ein Praktikum absolvierte, informierte umgehend Kristina Beck von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, die das dortige Projekt an den Vögeln leitete. Gemeinsam nahmen die Forscherinnen das Verhalten daraufhin genauer unter die Lupe – und stellten fest, dass das Kotfressen keineswegs selten vorkam.
Insgesamt 1.176-mal beobachtete das Team im Verlauf des Aprils, wie eine der Alpendohlen ihr Geschäft verrichtete. Und erstaunlicherweise kam es nach 689 der Ereignisse anschließend zur Koprophagie: In 61 Prozent der Fälle wurden die Exkremente von ihren „Urhebern“ gefressen, in 19,5 Prozent der Fälle von Artgenossen – und in den restlichen 19,5 Prozent der Fälle teilten sich beide die besondere Nahrung.
Interessanterweise schienen die Vögel mitunter sogar regelrecht um den Kot zu konkurrieren. So wurden manche Tiere nach dem Verrichten ihres Geschäfts von anderen Vögeln vertrieben, die sich dann über ihre Hinterlassenschaft hermachten. Tatsächlich zeigte eine Analyse der Forscherinnen: Je mehr Vögel sich in der Nähe befanden, wenn eine Alpendohle Kot absetzte, desto häufiger wurde ihr Kot nicht von ihr selbst, sondern von einem Artgenossen verspeist.
Kein Kotfressen im Sommer
Berchtesgaden liegt in den Alpen und dort währt der schneereiche Winter meist bis zum April. Entsprechend unterscheidet sich die Ernährung der Alpendohlen abhängig von der Jahreszeit erheblich: Im Sommerhalbjahr stehen vor allem Insekten auf dem Speiseplan, die die Vögel auf Bergwiesen erbeuten; im Winterhalbjahr hingegen gehen sie häufig in Dörfern auf Nahrungssuche und fressen dort Pflanzenteile, Vogelfutter und Nahrungsreste aus Abfällen. Könnte sich das auf die Neigung der Vögel zur Koprophagie auswirken?
Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, führten die Forscherinnen von Juni bis September weitere Beobachtungen durch. Dabei arbeiteten sie unter erschwerten Bedingungen – denn weil die Alpendohlen zu dieser Zeit häufig in steilen Berggebieten unterwegs sind, ist es deutlich schwieriger, ihnen zu folgen. Dennoch gelang es dem Team, 246-mal einen Vogel beim Kotabsetzen zu beobachten. Dabei zeigte sich ein gravierender Unterschied im Vergleich zu den Beobachtungen im April: In keinem einzigen Fall kam es im Anschluss zur Koprophagie. Tatsächlich scheint das Kotfressen bei den Vögeln also stark an die Jahreszeit geknüpft zu sein.
Fazit
Durch eine ursprünglich zufällige Beobachtung sind Phyllis von Saucken und Kristina Beck auf ein faszinierendes Phänomen gestoßen: Die Alpendohlen in Berchtesgaden scheinen zu bestimmten Zeiten im Jahr in beträchtlichem Umfang Kot zu fressen – und sogar in gewissem Maße darum zu konkurrieren. Was könnte es mit diesem Verhalten auf sich haben?
Klar sagen lässt sich das anhand der Daten nicht. Doch die Forscherinnen haben zumindest Vermutungen: So könnten die Hinterlassenschaften als zusätzliche Energiequelle in den kargen Wintermonaten dienen, indem zuvor unverdaute Bestandteile im zweiten Durchgang verwertet werden. Alternativ – oder ergänzend – könnte das Fressen des Kots den Vögeln dabei helfen, ihr Darm-Mikrobiom auf das saisonale Nahrungsangebot einzustellen.
„Wir beginnen gerade erst zu verstehen, welche Rolle das Mikrobiom bei Tieren und so auch Vögeln in Bezug auf Anpassungen an die Umwelt und sich ändernde ökologische Kontexte spielen kann. Hier bietet sich die perfekte Gelegenheit, Koprophagie als eine solche Anpassung zu untersuchen.“, teilt uns Phyllis von Saucken mit. Und sie hat auch schon Ideen für Folgestudien: „Es besteht eventuell die Möglichkeit, das Verhalten weiter zu untersuchen, indem das Mikrobiom in über das Jahr verteilt gesammelten Kotproben analysiert wird. So könnte man eine saisonale Umstellung des Mikrobioms direkt nachweisen.“
Zur Fach-Publikation:
von Saucken, P. & Beck, K. B. (2026): Seasonal variation in coprophagic foraging in alpine choughs Pyrrhocorax graculus. Journal of Avian Biology.
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