Achtjährige „Ausbildung“: Orang-Utans erwerben kulinarische Kenntnisse durch Abschauen und Ausprobieren

Der Speiseplan von Orang-Utans ist ausgesprochen abwechslungsreich. Eine aktuelle Studie zeigt: Er wird umso vielseitiger, je intensiver die Tiere in jungen Jahren ihre Umwelt erkunden – und je öfter sie erfahrenen Artgenossen über die Schulter schauen.

von Niklas Kästner

Ein weiblicher Sumatra-Orang-Utan mit seinem Nachwuchs (Foto: Eric Balke @ SUAQ Project)

Etwa acht Jahre dauert es, bis ein Sumatra-Orang-Utan (Pongo abelii) selbstständig wird und keine Muttermilch mehr erhält. Bis dahin muss er gelernt haben, was sich in seiner Umwelt als Nahrung eignet und was nicht. Wie das den Tieren gelingt, haben sich Forschende um Thillaikumar Revathe und Caroline Schuppli im Rahmen einer aktuellen Studie angeschaut.

Ihre Untersuchung basiert auf Daten aus dem sumatranischen Forschungsgebiet Suaq Balimbing: Über 12 Jahre hinweg wurden dort wildlebende, heranwachsende Orang-Utans beobachtet – für insgesamt mehr als 1.700 Stunden. Dabei ergab sich zunächst zweierlei: Zum einen verbringen die Jungtiere viel Zeit damit, ihre Mütter und andere erwachsene Artgenossen bei der Nahrungssuche zu beobachten; zum anderen erkunden sie ihre Umgebung aber auch intensiv selbst. Interessanterweise enthüllte eine genauere Analyse, dass die Tiere den Großteil dieser Erkundungen unternahmen, nachdem sie einen erwachsenen Artgenossen im Blick gehabt hatten – sie probierten vereinfacht gesagt also aus, was sie zuvor gesehen hatten.

Ein heranwachsender Orang-Utan beobachtet, wie seine Mutter mit einem Stock Honig aus einem Baum angelt (Guilhem Duvot @ SUAQ Project)

In einem zweiten Schritt untersuchten die Forschenden, wie sich dieses Verhalten der Orang-Utans auf ihren Speiseplan auswirkte. Dabei zeigte sich: Je öfter heranwachsende Orang-Utans älteren Tieren bei der Nahrungssuche zuschauten, desto breiter war später ihr Nahrungsspektrum. Die gleichen Auswirkungen zeigten sich, je häufiger sie ihre Umwelt eigenständig erkundeten, ohne vorher einen älteren Artgenossen beobachtet zu haben. Entsprechend fanden sich die vielseitigsten Speisepläne bei Tieren, die während des Heranwachsens sehr erkundungsfreudig waren und gleichzeitig besonders häufig ihren älteren Artgenossen über die Schulter schauten. Das legt nahe, dass beim Erwerb der Kenntnisse über mögliche Nahrungsquellen zwei Aspekte eine entscheidende Rolle spielen: einerseits das Abschauen von erfahrenen Tieren – und andererseits das selbstständige Ausprobieren.


Zur Fach-Publikation:
Revathe T.; Weidling, M.-T.; Utami-Atmoko, S. S.; Setia, T. M.; Razik, I.; van Schaik, C. P.; Whiten, A.; Bürkner, P.-C. & Schuppli, C. (2026): How 8 years of social and individual learning interact to shape ecological competence in orangutans. Science.

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Aus unserer Rubrik: „In aller Kürze“.

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