Spontane Problemlösung: Hummeln nutzen Ball als Steighilfe, um an Nahrung zu gelangen

Eine aktuelle Studie zeigt: Erdhummeln können schwierige Aufgaben spontan lösen, ohne das Vorgehen vorher erlernt zu haben. Als Forschende die Tiere mit einer hochgelegenen künstlichen Blüte konfrontierten, rollten sie einen Ball darunter, kletterten hinauf – und erreichten so die Nahrungsquelle.

von Niklas Kästner

Diese Hummel hat es geschafft, an die künstliche Blüte zu gelangen (Foto: Mikko Törmänen)

Untersuchungen aus den letzten Jahren haben enthüllt, dass einige wirbellose Tiere kognitive Fähigkeiten besitzen, die man ihnen lange nicht zugetraut hatte. Das gilt in besonderem Maße für die Hummeln, die – wie inzwischen klar ist – über eine erstaunliche Lernfähigkeit verfügen. So können sie zuvor gesehene Objekte durch Ertasten erkennen und selbst überaus komplexe Aufgaben von ihren Artgenossen lernen. Nun haben Forschende eine weitere Fähigkeit bei den Insekten nachgewiesen: das spontane Lösen von Problemen.

Eine unerreichbare Blüte und ein beweglicher Ball

Im Rahmen der Studie präsentierten die Forschenden um Akshaye Bhambore und Olli Loukola Erdhummeln (Bombus terrestris) eine Nahrungsquelle: Eine künstliche Blüte mit Zuckerlösung, die sich an der Decke einer Arena befand. Die Decke war für die Hummeln zu hoch, um die Blüte vom Boden aus zu erreichen, aber zu niedrig, um im Schwebflug heranzukommen. In der Arena lag außerdem noch ein frei beweglicher Styroporball und im Boden befanden sich Vertiefungen an unterschiedlichen Stellen.

Um an die Blüte zu gelangen, gab es für die Insekten, die sich jeweils einzeln in der Kammer befanden, nur einen Weg: Sie mussten den Ball in eine Vertiefung direkt unter Nahrungsquelle rollen – dann konnten sie hinaufklettern und die Decke erreichen. Und in der Tat gelang es rund 75 Prozent der getesteten Hummeln im Verlauf von einer Viertelstunde, das Problem auf genau diese Weise zu lösen.

Szenen aus dem Versuch: Erdhummeln rollen den Ball in die Vertiefung unter der Blüte und können diese so erreichen (Video: Olli Loukola)

Besonders erstaunlich an diesem Ergebnis ist, dass die im Experiment eingesetzten Tiere zwar sowohl mit der Blüte als auch mit dem Ball zuvor bereits Erfahrungen gesammelt hatten – so hatten sie diesen in einer Trainingsphase unter anderem weggerollt, um eine am Boden befindliche künstliche Blüte zu gelangen; doch sie hatten ihn zuvor noch nie auf eine Nahrungsquelle zu gerollt oder ihn als Steighilfe verwendet. Es handelte sich bei ihrem Verhalten im Experiment also tatsächlich um einen Fall von spontaner Problemlösung. Gleichwohl scheint eine gewisse Vorerfahrung mit Ball und Blüte für den Erfolg entscheidend gewesen zu sein: Hummeln einer Kontrollgruppe, denen diese Vorerfahrung fehlte, schafften es in den 15 Minuten nur selten, an die Nahrung zu gelangen.

Kein zufälliger Erfolg

Nun lässt sich gegen dieses Ergebnis ein Einwand vorbringen: Könnte es nicht sein, dass die Tiere den Ball einfach ziellos bewegten und so mehr oder weniger zufällig die Aufgabe lösten? Schließlich ist aus Studien bereits bekannt, dass das Herumrollen von Kugeln für Hummeln Belohnungscharakter hat.

Um diesem Einwand zu begegnen, führte das Team weitere Experimente mit neuen Hummeln durch. Dabei zeigte sich zunächst unter anderem, dass die Tiere den Ball auch dann spontan als Steighilfe einsetzen können, wenn dieser durch eine undurchsichtige Wand von der Blüte getrennt ist, und sie ihn erst durch eine kleine Öffnung rollen müssen. Besonders aufschlussreich aber ist das letzte Kontrollexperiment der Forschenden. Darin setzten sie die Hummeln einzeln in eine Arena, bei der es auf der linken und rechten Seite jeweils eine Kammer gab. Diese Kammern waren für die Insekten zwar zugänglich, aber vom sonstigen Bereich der Arena aus nicht einsehbar. In einer der Kammern befand sich eine Blüte an der Decke, in der anderen Kammer nicht. Nachdem die Hummeln drei Minuten Zeit hatten, die Arena zu erkunden, legten die Forschenden einen Styroporball in den mittleren Bereich.

Die Frage hinter diesem Versuch: Würden die Insekten den Ball wahllos herumrollen? Oder würden sie ihn in die Richtung der Kammer bewegen, in der sie zuvor die Blüte gesehen hatten? Das Ergebnis: Mehr als drei Viertel der getesteten Bienen rollten den Ball tatsächlich in die Kammer mit der Blüte.

Eine Hummel erkundet zunächst die Arena, dann wird der Ball eingesetzt (rotes Licht); anschließend rollt die Hummel den Ball in die Kammer mit der künstlichen Blüte (Video: Olli Loukola)

Fazit

Zusammengenommen belegen die Experimente der Forschenden auf beeindruckende Weise die Fähigkeit von Erdhummeln zur spontanen Problemlösung: Mit einer unerreichbaren Blüte konfrontiert, rollten sie einen Ball herbei und nutzten ihn als Steighilfe. Voraussetzung dafür war offenbar lediglich eine gewisse Vorerfahrung mit den für die Aufgabe relevanten Objekten. Der Ausgang des Kontrollexperiments mit den zwei Kammern lässt zudem den Schluss zu, dass die Hummeln dabei zielgerichtet vorgingen: Sie bewegten den Ball nicht einfach nach dem Zufallsprinzip umher – sondern rollten ihn stattdessen überproportional häufig zum Ort der zuvor unerreichbaren Blüte. 


Zur Fach-Publikation:
Bhambore, A. A.; Akmese, E. N.; Häkkinen, E.; Jussila, M. K.; Kantola, J.-H. & Loukola, O. J. (2026): Spontaneous problem-solving in bumble bees. Science.

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