Außergewöhnliche Verteidigung: Wanzen schützen Eier mit Pilzgeflecht vor Parasiten

Eine aktuelle Studie zeigt: Die Weibchen einer asiatischen Wanzenart übertragen Pilze aus speziellen Organen an ihren Hinterbeinen auf ihre Gelege. Das dort wachsende Geflecht erschwert es parasitischen Wespen, die Eier zu erreichen.

von Niklas Kästner

Ein dichtes Pilzgeflecht um die Wanzeneier hält eine parasitische Wespe auf Abstand (Foto: AIST)

Weibliche Wanzen der Art Megymenum gracilicorne tragen eine markante ovale Erweiterung an den Unterschenkeln ihrer Hinterbeine. Bislang vermutete man, dass es sich dabei um sogenannte „Tympanalorgane“ zur Wahrnehmung von Geräuschen handeln könnte – denn tatsächlich finden sich diese bei vielen Insekten an den Beinen. Doch wie Forschende um Takanori Nishino und Takema Fukatsu im Rahmen einer aktuellen Studie feststellten, erfüllen die Strukturen eine andere, bisher völlig unbekannte Funktion.

Pilzspeicher an den Hinterbeinen

Eine genaue Untersuchung der Unterschenkel zeigte, dass die ovale Struktur keine Membran enthielt, wie für Hörorgane typisch, sondern stattdessen rund 2.000 Poren. Aus diesen wuchs eine weißliche Substanz, die sich als Pilzgeflecht aus unterschiedlichen Arten entpuppte.

Ein „Pilzaufstrich“ für die Gelege

Doch warum kultivieren die Wanzenweibchen Pilze in ihren Hinterbeinen? Eine Antwort auf diese Frage fanden die Forschenden, als sie die Tiere bei der Fortpflanzung beobachteten. Während der Eiablage kratzten die Weibchen immer wieder mit den Krallen eines Hinterbeins über die Poren am jeweils anderen Hinterbein. Damit rieben sie anschließend über ihre Gelege – und bestrichen diese so regelrecht mit den Pilzen. Letztere fanden auf den Eiern offenbar gute Wachstumsbedingungen: Schon bald bildete sich um die Gelege ein dichtes, haarähnliches Geflecht.

Eine weibliche Wanze streicht über die ovalen Strukturen an ihren Hinterbeinen und bestreicht damit ihre Eier (Video: AIST)

Pilzgeflecht bietet Schutz vor Wespen

Das Team hatte schnell den Verdacht, dass es sich dabei um eine Verteidigungsstrategie handeln könnte. Denn die Gelege der Wanzen werden von der parasitischen Wespe Trissolcus brevinotaulus bedroht: Deren Larven entwickeln sich in Wanzeneiern – was für diese wiederum den Tod bedeutet.

Und tatsächlich bestätigten Versuche die Vermutung der Forschenden: Wanzeneier mit Pilzgeflecht fielen den Wespen wesentlich seltener zum Opfer als Wanzeneier, von denen das Team die Pilze entfernt hatte. Das lag Untersuchungen zufolge nicht daran, dass die Pilze für die parasitischen Insekten gefährlich waren. Vielmehr verhinderte das dichte Geflecht offenbar, dass die Wespen zu den Gelegen vordringen konnten, um ihre Eier abzulegen.

Fazit

Die Studie des Teams enthüllt einen faszinierenden Verteidigungsmechanismus: Wanzen der Art Megymenum gracilicorne kultivieren Pilze in speziellen Organen, die sie auf ihren Gelegen verstreichen, um ein Geflecht darum wachsen zu lassen. Dieses wirkt wie eine Art Schutzwall, der parasitische Wespen von ihren Eiern fernhält. Interessanterweise gibt es Hinweise darauf, dass die untersuchte Art nicht die einzige ist, die so vorgeht: Das Team entdeckte vergleichbare Organe auch an den Hinterbeinen anderer Spezies aus derselben Wanzenfamilie – und auch diese Tiere behandeln ihre Gelege offenbar auf ähnliche Weise während der Eiablage.


Zur Fach-Publikation:
Nishino, T.; Moriyama, M.; Mukai, H.; Tanahashi, M.; Hosokawa, T.; Chang, H. Y.; Tachikawa, S.; Nikoh, N.; Koga, R.; Kuo, C. H. & Fukatsu, T. (2025): Defensive fungal symbiosis on insect hindlegs. Science.

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