Betagte Tintenfische mit gutem Gedächtnis

Tintenfische besitzen ein WasWannWo-Gedächtnis: Sie können sich merken, was sie zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort erlebt haben. Eine aktuelle Studie zeigt: Anders als bei uns lässt diese Fähigkeit bei den Kopffüßern auch im Alter nicht nach.

von Niklas Kästner

Haben ein gutes Gedächtnis: Gewöhnliche Tintenfische
Haben ein gutes Gedächtnis: Gewöhnliche Tintenfische (Foto: Alexandra K. Schnell, zugeschnitten)

Im hohen Alter fällt es Menschen zunehmend schwer, sich bestimmte Dinge zu merken. Besonders betroffen sind Erinnerungen daran, wann und wo wir ein bestimmtes Ereignis erlebt haben (gespeichert im sogenannten „episodischen Gedächtnis“). Studien an Mäusen und Affen deuten darauf hin, dass es anderen Säugetieren in dieser Hinsicht ganz ähnlich geht wie uns. Dafür sind vermutlich altersbedingte Veränderungen in bestimmten Hirnregionen verantwortlich.

Seit einigen Jahren wissen wir, dass auch Tintenfische solche WasWannWo-Erinnerungen abrufen können. In einer aktuellen Studie sind Wissenschaftler*innen um Alexandra Schnell und Christelle Jozet-Alves der Frage nachgegangen, wie sich bei ihnen das Erinnerungsvermögen im Alter entwickelt. Dazu verglichen sie die Gedächtnisleistungen von 10 Monate alten Gewöhnlichen Tintenfischen (Sepia officinalis) mit denen von hochbetagten Artgenossen im Alter von 22 Monaten (die durchschnittliche Lebenserwartung der Art beträgt zwei Jahre).

Tintenfische im Training

Tiere nach ihren WasWannWo-Erinnerungen zu befragen, ist vergleichsweise schwierig – anders als Menschen können sie uns schließlich nicht davon erzählen. Daher waren die Forschenden auf ein komplexes Experiment angewiesen, bei dem die Tintenfische zunächst bestimmte Abläufe und Zusammenhänge lernen mussten. Während dieser anfänglichen Trainingsphase erschienen regelmäßig zeitgleich zwei identische Symbole an bestimmten Positionen in ihrem Aquarium. Näherten sich die Tintenfische einem der beiden Symbole, wurden an beiden Stellen Belohnungen ins Wasser gegeben, von denen sie sich eine schnappen durften. Auf der einen Seite handelte es sich um ihre favorisierte Nahrung (z.B. eine lebende Krabbe), auf der anderen Seite um eine weniger beliebte Alternative (z.B. ein Stück Garnelenfleisch).

Im Anschluss an jeden solchen Durchgang präsentierten die Forschenden den Tintenfischen beide Symbole an den gleichen Positionen erneut. Dabei war die Dauer der Verzögerung entscheidend: War eine Stunde seit dem ersten Durchgang verstrichen, konnten die Tintenfische nicht wie gewohnt die begehrte Nahrung ergattern. Sie mussten nun also geradewegs zur anderen Stelle schwimmen, um überhaupt Futter zu erhalten. Waren aber drei Stunden vergangen, gab es an beiden Positionen wieder die gewohnte Belohnung – und die Tintenfische konnten sich an der entsprechenden Stelle ihre bevorzugte Nahrung schnappen.

Dieser Tintenfisch erhielt seine bevorzugte Nahrung beim ersten Durchgang des Tages am linken Symbol. Seitdem ist eine Stunde verstrichen – entsprechend muss er zum rechten Symbol schwimmen, um eine Belohnung zu erhalten (Video: Alexandra K. Schnell).

Dieser Tintenfisch erhielt seine bevorzugte Nahrung beim ersten Durchgang des Tages ebenfalls am linken Symbol. Seitdem sind aber drei Stunden verstrichen – daher muss er zum linken Symbol schwimmen, um eine Belohnung zu erhalten (Video: Alexandra K. Schnell).

Tintenfische im Test

Hatten die Tintenfische diese Regeln verstanden, begann für sie die Testphase. Nun wurde es noch komplizierter: Die Positionen der Symbole veränderten sich von Tag zu Tag – und die Tintenfische erfuhren jeweils erst im ersten Durchgang, welches Symbol für die bevorzugte bzw. weniger bevorzugte Nahrung stand. Erschienen die Symbole später erneut, mussten die Tiere sich erinnern: An welcher Position (Wo) gab es beim ersten Durchgang welche Nahrung (Was) und wie lange ist das her (Wann)? Denn davon hing ab, wo sie nun ihre (bevorzugte) Belohnung erhielten.

Während der Testphase zeigte sich, dass das WasWannWo-Gedächtnis der alternden Tintenfische dem ihrer heranwachsenden Artgenossen keineswegs unterlegen war: Sie machten insgesamt nicht nur genauso wenig Fehler – sondern schafften es sogar früher, bei acht von zehn aufeinanderfolgenden Durchgängen die richtige Wahl zu treffen.

Fazit

Der Ausgang des Experiments belegt, dass Tintenfische selbst im hohen Alter zu erstaunlichen WasWannWo-Gedächtnisleistungen in der Lage sind. Dieses beeindruckende Ergebnis lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass das Gehirn der Kopffüßer ganz anders aufgebaut ist als das von Säugetieren. Allerdings bedeutet das nicht, dass das Erinnerungsvermögen der Tiere im Alter grundsätzlich nicht nachlässt. Bei einer Untersuchung in den 90er Jahren wurden in einem anderen Zusammenhang durchaus Alterserscheinungen sichtbar: Alte Tintenfische lernten einen recht einfachen Zusammenhang zwar ebenso gut wie junge – schienen sich aber schon am nächsten Tag weniger gut an das Gelernte zu erinnern.


Um das Erinnerungsvermögen von Tintenfischen geht es auch in folgendem Artikel: Gesehen oder gerochen? Tintenfische erinnern sich.

Zur Fach-Publikation:
Schnell, A. K.; Clayton, N. S.; Hanlon, R. T. & Jozet-Alves, C. (2021): Episodic-like memory is preserved with age in cuttlefish. Proceedings of the Royal Society B 20211052.

Wenn Sie auf diesen Artikel verweisen möchten, können Sie das zum Beispiel so tun:
Kästner, N. (2021): Tintenfische vollbringen auch im hohen Alter erstaunliche Gedächtnisleistungen. ETHOlogisch – Verhalten verstehen (www.ethologisch.de, abgerufen am [Datum]).

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