Im Rahmen einer aktuellen Studie haben Forschende erstmals nachgewiesen, dass Kühe flexibel Werkzeuge einsetzen können. Die nicht für landwirtschaftliche Zwecke gehaltene Veronika kratzt sich mithilfe eines Schrubbers – und nutzt ihn je nach Körperregion in unterschiedlicher Ausrichtung.

Die Kuh Veronika lebt beim österreichischen Biobauern und Bäcker Witgar Wiegele, der sie als Familienmitglied betrachtet. Vor rund zehn Jahren wurde Wiegele darauf aufmerksam, dass Veronika gelegentlich Stöcker ins Maul nahm und sich damit kratzte. Aufnahmen davon erreichten schließlich die Kognitionsbiologin Alice Auersperg, die sich mit ihrem Kollegen Antonio Osuno-Mascaró aufmachte, um das Verhalten zu untersuchen. Denn es sprach vieles dafür, dass es sich dabei um Werkzeuggebrauch handelte – und der war bei Kühen bislang noch nie wissenschaftlich beschrieben worden.
Ein Schrubber für Veronika
Die Forschenden reisten zu Wiegele und präsentierten Veronika immer wieder einen Schrubber. Ihre Hypothese: Wenn die Kuh das Objekt als Werkzeug für die Körperpflege einsetzt, sollte sie damit vor allem Körperregionen bearbeiten, die sie ansonsten schlecht erreichen kann – und sie sollte vor allem die Seite mit den Borsten benutzen, um sich zu kratzen.
Tatsächlich machte Veronika reichlich Gebrauch von dem bereitgestellten Gegenstand: Immer wieder hob sie den Stiel mit der Zunge an, griff ihn dann fest mit dem Maul und drehte den Kopf, um sich mit dem Hilfsmittel zu kratzen. Dabei bestätigte sich der erste Teil der Hypothese: Veronika brachte den Schrubber vor allem an ihrer hinteren Körperhälfte zum Einsatz.
Überraschend flexibler Einsatz
In Bezug auf den zweiten Teil der Hypothese erwies sich Veronikas Gebrauch des Werkzeugs sogar als noch deutlich komplexer als erwartet. Und zwar wechselte sie die Ausrichtung des Schrubbers je nach Körperregion: Am Rücken kratzte sie sich wesentlich häufiger mit der Borstenseite und führte diese schrubbend über ihr Fell; an empfindlichen Stellen wie dem Euter setzte sie jedoch meist das Stielende ein, mit welchem sie nur vorsichtig stupsende Bewegungen ausführte.
Fazit
Die Studie der Forschenden erbringt den ersten experimentellen Nachweis dafür, dass Kühe Werkzeuge einsetzen können. Wie kann es sein, dass diese offenbar grundsätzlich vorhandene Fähigkeit der Tiere so lange unsichtbar blieb – obwohl weltweit mehr als eine Milliarde der Tiere gehalten werden?
Alice Auersperg und Antonio Osuna-Mascaró vermuten, dass die kargen Bedingungen, unter denen Rinder in der Landwirtschaft oft leben, dabei eine Rolle spielen. Anders als bei Veronika gibt es für die meisten Kühe schlichtweg keine Gelegenheit, Objekte zu erkunden und sie als Werkzeuge einzusetzen. Die Forschenden wollen das Verhalten künftig weiter erforschen – und rufen dazu auf, Kontakt mit ihnen aufzunehmen, wenn man beobachtet, wie eine Kuh zielgerichtet mit Objekten hantiert.
Zur Fach-Publikation:
Osuna-Mascaró, A. J. & Auersperg, A. M. I. (2026): Flexible use of a multi-purpose tool by a cow. Current Biology.
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