Lemuren: Clever trotz kleiner Gehirne

Die auf Madagaskar beheimateten Lemuren sind eine sehr ursprüngliche Primatengruppe. Im Vergleich zu vielen anderen Affen besitzen sie recht kleine Gehirne. Dennoch schneiden sie einer aktuellen Studie zufolge bei vielen Denkaufgaben nicht schlechter ab.

von Niklas Kästner

Cleverer als gedacht: Lemuren
Ein Katta beim Lösen einer Aufgabe aus der “Primate Cognition Test Battery” (Foto: Katja Rudolph, zugeschnitten)

Über einen Zusammenhang zwischen Hirngröße und Intelligenz wird in der Forschung seit langem diskutiert. Dabei wird angenommen, dass größere Gehirne zumindest in gewissem Maße mit besseren Lern- und Denkleistungen einhergehen. Primaten zum Beispiel fallen durch vergleichsweise große Gehirne und beachtliche kognitive Fähigkeiten auf – mit uns Menschen an der Spitze der Skala. Den auf Madagaskar lebenden Lemuren, einer sehr ursprünglichen Primatengruppe, hat man wegen ihrer recht kleinen Gehirne lange keine großen Denkleistungen zugetraut. Eine aktuelle Studie zeigt, dass man damit falsch lag.

Die Studie

Um die kognitiven Fähigkeiten verschiedener Primatenarten vergleichen zu können, wurde vor einigen Jahren eine Testbatterie entwickelt, die PCTB („Primate Cognition Test Battery“). Sie umfasst 16 verschiedene Aufgaben aus zwei unterschiedlichen Domänen: Der räumlichen Domäne (getestet wird z.B. die Fähigkeit, sich die Position einer Belohnung zu merken, oder Mengen zu unterscheiden) und der sozialen Domäne (getestet wird z.B. die Fähigkeit, dem Blick eines Gegenübers zu folgen, oder dessen Hinweise zu verstehen).

Die Testbatterie wurde in den vergangenen Jahren bereits mit verschiedenen Primatenarten durchgeführt, darunter Schimpansen, Orang-Utans, Paviane und Makaken – aber keine Lemuren. Diese Lücke füllten die Wissenschaftler*innen Claudia Fichtel, Klara Dinter und Peter Kappeler und testeten Vertreter von gleich drei Lemurenarten in der PCTB: Kattas (Lemur catta), Schwarzweiße Varis (Varecia variegata) und Graue Mausmakis (Microcebus murinus).

Das Ergebnis des Vergleichs zwischen den Lemuren und den anderen Arten war überraschend: Kattas, Varis und Mausmakis schnitten keineswegs in jedem Bereich schlechter ab als die zuvor getesteten Affen. Wenn man die Aufgaben innerhalb der jeweiligen Domäne zusammenfasste, gab es im sozialen Bereich sogar keinerlei Unterschiede – und im räumlichen Denken waren ihnen nur Schimpansen und Orang-Utans überlegen.

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Aufnahmen aus dem Versuch in einem Youtube-Video des Deutschen Primatenzentrums; Szene 1 & 2: ein Katta und ein Vari merken sich die Positionen von zwei Stückchen Bananen, Szene 3: Hütchenspiel – ein Mausmaki findet die Belohnung unter dem richtigen Becher, obwohl dieser verschoben wurde.
Fazit

Die Ergebnisse der Untersuchung machen deutlich, dass ein erheblicher Unterschied in der Gehirngröße nicht mit einem kategorischen Unterschied in den kognitiven Leistungen einhergehen muss. Zumindest in den Fähigkeiten, auf die es in der PCTB ankommt, unterschieden sich die Lemuren nicht wesentlich von Pavianen oder Makaken – und selbst Schimpansen und Orang-Utans schnitten nicht in allen Aufgaben besser ab. Besonders beeindruckend ist das bei den winzigen Mausmakis: Ihr ganzer Körper ist mit durchschnittlich 60 Gramm etwa sechs Mal so leicht wie ein einziges Schimpansengehirn.

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Zur Fach-Publikation:
Fichtel, C.; Dinter, K. & Kappeler, P. M. (2020): The lemur baseline: how lemurs compare to monkeys and apes in the Primate Cognition Test Battery. PeerJ 8: e10025.

Wenn Sie auf diesen Artikel verweisen möchten, können Sie das zum Beispiel so tun:
Kästner, N. (2020): Lemuren: Clever trotz kleiner Gehirne. ETHOlogisch – Verhalten verstehen (www.ethologisch.de, abgerufen am [Datum]).

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