Pferde bestehen den Spiegeltest

In einer aktuellen Studie markierten Forschende die Wangen von Pferden mit farbigen Kreuzen. Als die Tiere sich anschließend in einem Spiegel betrachteten, rieben sie auffallend häufig ihr Gesicht: Sie schienen sich im Spiegel zu erkennen.

von Niklas Kästner

Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass Pferde ihr Spiegelbild erkenne
Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass Pferde ihr Spiegelbild erkennen (Foto: Christels via Pixabay, zugeschnitten)

Spiegel erlauben uns, Bereiche unseres Körpers zu begutachten, die außerhalb unseres Sichtfeldes liegen. Die Voraussetzung dafür: Wir verstehen, dass das Bild im Spiegel uns selbst zeigt – eine Fähigkeit, die sich bei Kindern ungefähr im Alter von ein bis zwei Jahren entwickelt.

Auch bei manchen Tierarten gibt es Hinweise darauf, dass sie sich im Spiegel erkennen, darunter Schimpansen, Delfine und Elefanten, aber auch Elstern und Putzerfische. Einer aktuellen Studie zufolge sind Pferde ebenfalls dazu in der Lage.

Die Studie

Die Selbstwahrnehmung wird bei Tieren – wie auch bei Kleinkindern – mithilfe des sogenannten Spiegeltests untersucht. Dabei markiert man einen Bereich des Körpers, den das Tier selbst nicht sehen kann, und stellt ihm einen Spiegel zur Verfügung. Berührt es die Markierung an seinem Körper oder versucht gar, sie wegzureiben, lässt das darauf schließen, dass es das Gegenüber im Spiegel als Abbild seiner selbst erkennt.

Ein Forschungsteam um Paolo Baragli und Elisabetta Palagi unterzog insgesamt 11 Pferde dem Spiegeltest. Dabei durchliefen die Tiere zwei Phasen: eine Erkundungsphase und eine Testphase.

Die Erkundung des Spiegels

Die Pferde durften einzeln eine Arena (ein abgeteiltes „Round-Pen“) erkunden, an deren einem Ende sich ein Spiegel befand. Dabei sahen sie zunächst dessen Rückwand und erst in einem zweiten Durchgang seine reflektierende Seite. So konnten sie sich langsam an den Aufbau gewöhnen.

Von den ursprünglich 14 für den Versuch vorgesehenen Pferden reagierten drei so aggressiv oder ängstlich auf ihr Spiegelbild, dass sie von der Studie ausgeschlossen wurden. Die restlichen begegneten dem Spiegel ruhiger, aber mit deutlichem Interesse: Sie schauten aufmerksam hinein, blickten dahinter und bewegten ihren Kopf wiederholt vor den Spiegel und davon weg.

Der eigentliche Test

Der eigentliche Test bestand wiederum aus zwei Durchgängen. Bei beiden malten die Forschenden den Pferden mit Ultraschallgel jeweils ein Kreuz auf beide Wangen – ein Bereich, der sich außerhalb ihres Sichtfeldes befindet. Im zweiten Durchgang mischten sie dem Gel zusätzlich geruchlose Fingerfarbe bei. Anschließend durften die Pferde jeweils ihr Spiegelbild in der Arena erkunden, und die Forschenden beobachteten ihr Verhalten.

Das Ergebnis: Die Pferde rieben ihr Gesicht deutlich häufiger an ihren Vorderbeinen oder an Gegenständen in der Arena, wenn ihre Wangen mit Farbe markiert waren. Da die Forschenden in beiden Durchgängen etwa gleich viel Gel auftrugen, kann das Verhalten nicht überzeugend dadurch erklärt werden, dass die Tiere die Markierung spürten. Vielmehr scheinen sie die farbigen Kreuze im Spiegel gesehen, und eine Verbindung zwischen dem erblickten Pferd und sich selbst hergestellt zu haben.

Das Pferd schaut in den Spiegel… (Foto: Baragli et al. 2021, Screenshot aus Video, zugeschnitten; Lizenz: CC BY 4.0)
…und reibt seine Wangen. (Foto: Baragli et al. 2021, Screenshot aus Video, zugeschnitten; Lizenz: CC BY 4.0)
Fazit

Die Ergebnisse der Studie legen überzeugend nahe, dass Pferde sich selbst im Spiegel erkennen. Was folgt daraus?

Ein bestandener Spiegeltest wird oftmals als „Beweis“ dafür betrachtet, dass Tiere ein Ich-Bewusstsein haben. Inwieweit dieser Schluss gültig ist, wird allerdings nach wie vor kontrovers diskutiert. Ob Pferde tatsächlich wissen, wer sie sind, lässt sich also nicht mit Sicherheit sagen. Festgehalten werden kann aber zumindest: Ihr Verhalten im Versuch spricht eher dafür als dagegen.

ETHOlogisch unterstützen

Auf ETHOlogisch.de bieten wir verlässliche und unabhängige Informationen zum Verhalten, Denken und Fühlen von Tieren.

Für die Finanzierung unseres Angebots setzen wir auf ein solidarisches Bezahlmodell. Wir möchten allen herzlich danken, die ETHOlogisch unterstützen!

Wie Sie ETHOlogisch unterstützen können, erfahren Sie hier.

Wir freuen uns über Anmerkungen, Fragen oder Feedback im Kommentarbereich! Allerdings behalten wir uns vor, Kommentare zu löschen, die unserer Meinung nach rechtswidrig oder aus anderen Gründen unangemessen sind. Bitte beachten Sie auch die Hinweise zur Kommentarfunktion in unserer Datenschutzerklärung.

Zur Fach-Publikation:
Baragli, P. Scopa, C.; Maglieri, V. & Palagi, E. (2021): If horses had toes: demonstrating mirror self recognition at the group level in Equus caballus. Animal Cognition.

Wenn Sie auf diesen Artikel verweisen möchten, können Sie das zum Beispiel so tun:
Kästner, N. (2021): Pferde bestehen den Spiegeltest. ETHOlogisch – Verhalten verstehen (www.ethologisch.de, abgerufen am [Datum]).

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.