Es muss sich lohnen – Mütterliche Fürsorge bei Totengräbern

Ob ein Totengräber-Weibchen mehr Energie in die Anzahl der Nachkommen oder in die mütterliche Fürsorge investiert, hängt von den Bedingungen ab: Gibt es am Kadaver Konkurrenz, reduziert es sein Fürsorge-Verhalten, legt dafür aber mehr Eier.

von Niklas Kästner

Totengräber füttern ihre Larven
Totengräber fungieren oft als Transportmittel für Milben (Foto: Thomas Bresson via Wikimedia Commons, zugeschnitten, Lizenz: CC BY 3.0)

Hinsichtlich des Brutpflege-Verhaltens findet man im Tierreich ein breites Spektrum von Strategien: An einem Ende dieses Spektrums gibt es Tiere, die eine hohe Anzahl an Nachkommen produzieren, diese aber völlig sich selbst überlassen. Am anderen Ende gibt es Tiere, die nur wenige Nachkommen produzieren, aber ein hohes Maß an Energie in die elterliche Fürsorge investieren.

Selbst relativ nah verwandte Arten können sich in dieser Hinsicht erheblich unterscheiden: Der Grasfrosch zum Beispiel legt große Laichballen mit tausenden Eiern ab, betreibt aber keine Brutpflege. Die Gelege des Goldenen Raketenfroschs hingegen umfasen nur etwa fünf Eier, dafür kümmern sich beide Eltern intensiv um die daraus schlüpfenden Kaulquappen.

Und selbst innerhalb einer Art kann variieren, wie viel Energie in die Anzahl der Nachkommen im Verhältnis zur Brutpflege investiert wird. Ein aktuelles Beispiel dafür liefert eine Studie an Schwarzhörnigen Totengräbern (Nicrophorus vespilloides).

Totengräber sind fürsorgliche Eltern

Totengräber tragen ihren Namen, weil sie ihre Eier in den Boden neben ein totes Tier legen, das sie für gewöhnlich zuvor eingebuddelt haben. Nachdem die Larven geschlüpft sind, kriechen diese zum Kadaver und durch ein von den Eltern angelegtes Loch hinein. Weibchen und Männchen bewachen dann die Nachkommen vor Feinden und Konkurrenz, und füttern sie sogar mit bereits vorverdautem Aas.

Kleine Kadaver werden häufig von einem Weibchen besetzt und gegen andere verteidigt. Bei größeren Kadavern kann es aber auch vorkommen, dass mehrere Weibchen ihre Eier in deren Nähe ablegen. Die Wissenschaftler Jon Richardson und Per Smiseth untersuchten in einem Experiment, wie sich das auf die Fortpflanzung der Weibchen auswirkt. Die männlichen Totengräber blieben dabei außen vor, um bei der Interpretation der Ergebnisse ihren Einfluss ausschließen zu können.

Das Experiment

Zunächst ließen die Forscher Totengräber-Paaren einen Tag Zeit zum Verpaaren und ordneten die Weibchen daraufhin unterschiedlichen Gruppen zu: In einer Gruppe hatten Weibchen einen Mäusekadaver für sich allein, in einer zweiten Gruppe mussten sich zwei Weibchen einen Kadaver teilen. Da die einzelnen Käfer aber doppelt so viel Aas zur Verfügung hatten wie die, die zu zweit zusammensaßen, gab es noch eine dritte Gruppe: Hier waren die Weibchen ebenfalls allein, hatten aber jeweils nur einen halben Mäusekadaver zur Verfügung.

Die Forscher ließen die Käfer ihre Eier legen und die Jungen aufziehen. In allen drei Gruppen notierten sie die Menge und Größe der gelegten Eier. Zusätzlich beobachteten sie, wie häufig die Weibchen die aus den Eiern geschlüpften Larven fütterten. Übrigens: Um in der Gruppe mit zwei Weibchen die Eier richtig zuordnen zu können, hatten sie die Käfer zuvor mit unterschiedlich gefärbtem Rindfleisch gefüttert. Ein hilfreicher Trick: Die Farbe geht in die Eier über und verrät dadurch die Mutterschaft.

Das Ergebnis

Das Ergebnis der Studie war eindeutig. Tatsächlich beeinflusste es sowohl die Ei-Produktion als auch das Brutpflege-Verhalten der Weibchen, wenn sie sich einen Kadaver teilen mussten: Sie legten mehr und größere Eier, fütterten aber wesentlich seltener die daraus geschlüpften Larven. Dieser Unterschied bestand gegenüber beiden Gruppen von einzelnen Weibchen. Er war also unabhängig von der Menge an zur Verfügung stehendem Aas.

Wie lässt sich dieses Ergebnis erklären? Totengräber sind nicht in der Lage, ihre eigenen Nachkommen zu erkennen. Wenn sie sich den Kadaver mit einem anderen Weibchen teilen, wissen sie also nicht, welche Larven sie füttern: ihre eigenen, oder die ihrer Konkurrentin. Daher vermuten Richardson und Smiseth, dass die Käfer unter dieser Bedingung ihre Fortpflanzungsstrategie anpassen: Sie stecken weniger Energie in die mütterliche Fürsorge, und dafür mehr in die Ei-Produktion. Denn während von der Brutpflege auch die Larven des anderen Weibchens profitieren würden, kommt die Investition in mehr und größere Eier ganz sicher dem eigenen Fortpflanzungserfolg zugute.

Fazit

Auch wenn für uns eine solche ökonomische Entscheidung für mehr oder weniger mütterliche Fürsorge komisch klingen mag – im Licht der Evolution ergibt sie Sinn. Die einzige „Währung“, die hier zählt, ist die Weitergabe der Gene. Insofern gilt auch für das Brutpflege-Verhalten der Totengräber die Regel: Es muss sich lohnen.

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Zur Fach-Publikation:
Richardson, J. & Smiseth, P. T. (2020): Maternity uncertainty in cobreeding beetles: females lay more and larger eggs and provide less care. Behavioral Ecology.

Weitere Literatur:
Eggert, A.-K. & Müller, J. K. (2000): Timing of oviposition and reproductive skew in cobreeding female burying beetles (Nicrophorus vespilloides). Behavioral Ecology 11: 357-366.

Wenn Sie auf diesen Artikel verweisen möchten, können Sie das zum Beispiel so tun:
Kästner, N. (2020): Es muss sich lohnen – Mütterliche Fürsorge bei Totengräbern. ETHOlogisch – Verhalten verstehen (www.ethologisch.de, abgerufen am [Datum]).

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