Verhängnisvoller Mut: Mit Toxoplasma infizierte Hyänenwelpen halten weniger Abstand zu Löwen

Eine aktuelle Studie zeigt: Hyänenwelpen, die mit dem Einzeller Toxoplasma gondii infiziert sind, verhalten sich weniger scheu gegenüber Löwen – und fallen den Raubkatzen häufiger zum Opfer. Für den Parasiten ist das vermutlich von Vorteil.

von Niklas Kästner

Kommen Löwen gefährlich nahe: Mit Toxoplasma infizierte Tüpfelhyänenwelpen
Kommen Löwen gefährlich nahe: Mit Toxoplasma infizierte Tüpfelhyänenwelpen (Foto: Glen Carrie via Unsplash, zugeschnitten)

Der Einzeller Toxoplasma gondii kann diverse Wirbeltiere befallen und bei ihnen die Krankheit Toxoplasmose auslösen. Die Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung legen nahe, dass eine Infektion für Tüpfelhyänen (Crocuta crocuta) mitunter lebensbedrohliche Konsequenzen hat – die allerdings nur indirekt mit dem Parasiten zusammenhängen.  

Die Studie

Ein Forschungsteam um Eben Gering, Zachary Laubach und Thomas Getty untersuchte, wie eine Toxoplasma-Infektion das Verhalten von Hyänen gegenüber Löwen beeinflusst – und die Wahrscheinlichkeit, dass sie durch diese zu Tode kommen. Dabei konnten die Wissenschaftler*innen auf einen großen Datensatz zurückgreifen: In Kenia stehen im Rahmen eines Langzeitprojekts verschiedene Tüpfelhyänenclans seit mehreren Jahrzehnten unter Beobachtung. Dabei notieren Forschende unter anderem regelmäßig, wie nah einzelne Tiere den im gleichen Gebiet lebenden Löwen kommen. Zusätzlich zu den Verhaltensdaten existieren von vielen Hyänen eingefrorene Blutproben. Das erlaubte den Wissenschaftler*innen, das Blut von insgesamt 168 Individuen auf eine Infektion mit Toxoplasma zu untersuchen.

Das Ergebnis

Tatsächlich hatte ein Toxoplasma-Befall Auswirkungen auf das Verhalten der Hyänen gegenüber Löwen: Infizierte Welpen kamen den gefährlichen Raubkatzen deutlich näher als nicht-infizierte. Über die gesamte Lebensspanne erhöhte eine Infektion zudem das Risiko, den Katzen zum Opfer zu fallen: Positiv auf Toxoplasma getestete Hyänen kamen wesentlich häufiger durch Löwen zu Tode als ihre nicht-infizierten Artgenossen.

Fazit

Verschiedene Untersuchungen legen nahe, dass eine Toxoplasma-Infektion bei Säugetieren zu einer verringerten Furcht vor Katzenurin führen kann. Es wird vermutet, dass es sich bei diesem Phänomen um eine Verhaltensmanipulation durch den Parasiten handeln könnte: Dieser kann sich nur im Körper von Katzen sexuell fortpflanzen – und wenn sein Zwischenwirt von einer Katze gefressen wird, gelangt er auf direktem Weg dorthin.

Die Ergebnisse der aktuellen Studie legen nahe, dass ein ähnlicher Zusammenhang auch bei Tüpfelhyänen besteht: Eine Infektion mit Toxoplasma führt zu geringerer Scheu vor Löwen und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie von diesen getötet werden. Da es sich um eine rein korrelative Untersuchung handelt, ist bei der Interpretation allerdings Vorsicht geboten. Denn auf der Grundlage der vorliegenden Daten lässt sich nicht sicher sagen, ob tatsächlich die Infektion den verhängnisvollen Mut der Tiere ausgelöst hat – oder ob sich zum Beispiel risikobereitere Hyänen schlichtweg häufiger infizierten.


Um das Sozialleben der Tüpfelhyänen geht es in diesem Artikel: Verkannte Königin – die Tüpfelhyäne.

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Zur Fach-Publikation:
Gering, E.; Laubach, Z. M.; Weber, P. S. D.; Hussey, G. S.; Lehmann, K. D. S.; Montgomery, T. M.; (…) & Getty, T. (2021): Toxoplasma gondii infections are associated with costly boldness towards felids in a wild host. Nature Communciations 12: 3842.

Wenn Sie auf diesen Artikel verweisen möchten, können Sie das zum Beispiel so tun:
Kästner, N. (2021): Verhängnisvoller Mut: Mit Toxoplasma infizierte Hyänenwelpen halten weniger Abstand zu Löwen. ETHOlogisch – Verhalten verstehen (www.ethologisch.de, abgerufen am [Datum]).

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