Verwilderte Honigbienen in deutschen Wäldern: Kein sich selbst erhaltender Bestand

Gelegentlich machen sich in Deutschland von Menschen gehaltene Honigbienenvölker selbstständig und lassen sich in Wäldern nieder. Einer aktuellen Studie ist daraus bislang aber keine eigenständige Population entstanden: Die Sterblichkeit der Kolonien ist dafür insbesondere im Winter zu hoch.

von Niklas Kästner

Eine Honigbiene, deren Kopf in einer Wabe verborgen ist.
Machen sich manchmal selbstständig: Honigbienen (Foto: Wolfgang Hasselmann via Unsplash, zugeschnitten)

Von den mehreren hundert Bienenarten, die in Deutschland anzutreffen sind, ist die Westliche Honigbiene (Apis mellifera) wohl die bekannteste. Bei den Vertretern dieser Art handelt es sich jedoch nicht um Wildtiere, sondern um Haustiere: Domestizierte Bienen, die von Menschen zur Produktion von Honig bzw. Wachs gehalten werden. In ihrer Wildform gilt die Honigbiene in Deutschland als ausgestorben.

Allerdings gibt es mitunter Bienenvölker, die aus einem Bienenstock ausschwärmen und natürliche Hohlräume in Wäldern beziehen. In einer aktuellen Studie sind die Wissenschaftler Patrick Kohl, Benjamin Rutschmann und Ingolf Steffan-Dewenter der Frage nachgegangen, ob sich infolgedessen in Deutschland bereits selbsterhaltende Populationen etabliert haben.

Bienenvölker in Schwarzspechthöhlen

Die Forschenden untersuchten das Vorkommen wildlebender Honigbienen in unterschiedlichen Waldgebieten in Süddeutschland im Verlauf mehrerer Jahre. Dazu kontrollierten sie mehrmals im Jahr dort vorhandene Höhlen von Schwarzspechten (Dryocopus martius), welche in bewirtschafteten Wäldern die bedeutendste Nistmöglichkeit für die Insekten darstellen. Im Sommer, Herbst und Frühling kontrollierte das Team die Höhlen und notierte, ob dort ein Bienenvolk lebte. Fanden die Forschenden in einer im Herbst besetzten Höhle auch im Frühling wieder Bienen vor, überprüften sie mithilfe von Genanalysen, ob es sich um dasselbe Volk handelte.

Viele Völker im Sommer – wenige Völker im Frühling

Im Sommer entdeckte das Team in rund zehn Prozent der Höhlen eine Bienenkolonie. Während sich dieser Wert zum Herbst hin nur geringfügig verringerte, nahm er über den Winter drastisch ab: Im Frühling lebte nur noch in 1,4 Prozent der Höhlen eine Kolonie. In Kombination mit den genetischen Analysen ergab sich für die Bienenvölker eine durchschnittliche jährliche Sterblichkeit von 90 Prozent – das heißt, nur eins von zehn Völkern überlebte länger als ein Jahr.

Keine selbsterhaltenden Populationen

Die hohe Sterberate der wildlebenden Bienenvölker lässt darauf schließen, dass es sich nicht um selbsterhaltende Populationen handelt. Denn dafür müsste jede Kolonie pro Jahr etwa acht bis neun Tochterkolonien hervorbringen. Tatsächlich gehen die Forschenden auf der Grundlage vorhandener Daten aber nur von zwei Töchterkolonien pro Jahr aus. Das bedeutet: Gäbe es keine beständige Zuwanderung von Bienenvölkern aus Menschenhand, würden die Honigbienen aus den Wäldern verschwinden.

Fazit

Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass es sich bei den meisten wildlebenden Honigbienenvölkern in deutschen Wäldern um Tiere aus Menschenhand handelt, die sich erst kürzlich dort niedergelassen haben. Insbesondere die hohe Wintersterblichkeit scheint bislang zu verhindern, dass sich selbsterhaltende Populationen etablieren.

Doch warum überleben so wenige Bienenvölker bis zum Frühjahr? Die Forschenden halten verschiedene Ursachen für möglich – darunter die für Bienen gefährliche Varroa-Milbe (Varroa destructor), der die domestizierten Tiere nur wenig entgegenzusetzen haben, und die vergleichsweise geringe Verfügbarkeit von Pollen und Nektar in den bewirtschafteten Wäldern.


Weitere Beiträge über Bienen.

Zur Fach-Publikation:
Kohl, P. L.; Rutschmann, B. & Steffan-Dewenter, I. (2022): Population demography of feral honeybee colonies in central European forests. Royal Society Open Science 9: 220565.

Wenn Sie auf diesen Artikel verweisen möchten, können Sie das zum Beispiel so tun:
Kästner, N. (2022): Verwilderte Honigbienen in deutschen Wäldern: Kein sich selbst erhaltender Bestand. ETHOlogisch – Verhalten verstehen (www.ethologisch.de, abgerufen am [Datum]).

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