Innovative Kampftechnik: Wie ein Papagei mit halbem Schnabel die Alphaposition behauptet

In einer aktuellen Studie berichten Forschende von einem Kea, der trotz fehlendem Oberschnabel das ranghöchste Männchen seiner Gruppe ist. Das gelingt ihm offenbar dank einer unkonventionellen Vorgehensweise: Er setzt seinen hervorstehenden Unterschnabel wie eine Lanze ein.

von Niklas Kästner

Kea Bruce fehlt der für Papageien typische gebogene Oberschnabel (Foto: Alex Grabham)

Der Kea (Nestor notabilis) Bruce wurde als Jungvogel ohne Oberschnabel in der Wildnis aufgegriffen. Seit nunmehr zwölf Jahren lebt er mit mehreren Artgenossen in einem neuseeländischen Wildpark, dem Willowbank Wildlife Reserve. In Rahmen einer aktuellen Studie haben sich Forschende die soziale Organisation der Gruppe angeschaut und dabei eine erstaunliche Erkenntnis gewonnen: Trotz seiner körperlichen Einschränkung steht Bruce an der Spitze der Dominanzhierarchie.

Dieses Ergebnis ist zunächst überraschend. Denn Bisse mit dem kräftigen Schnabel spielen bei Konflikten zwischen den Vögeln eine beträchtliche Rolle – Bruce ist diesbezüglich also klar im Nachteil. Wie gelingt es dem Papagei dennoch, sich gegen seine Konkurrenten durchzusetzen?

Den Beobachtungen der Forschenden zufolge dürfte dafür eine besondere Kampftechnik verantwortlich sein, die Bruce sich angeeignet hat: Er setzt seinen – durch den fehlenden Oberschnabel hervorstehenden – Unterschnabel als eine Art Lanze ein und stößt damit in Richtung seiner Widersacher, und das teils mit ordentlichem Anlauf. Diesem ungewöhnlichen Verhalten haben die übrigen Keas offenbar wenig entgegenzusetzen: Das Team um Alexander Grabham und Ximena Nelson beobachtete insgesamt 36 Auseinandersetzungen zwischen Bruce und jeweils einem der anderen neun Männchen seiner Gruppe – und aus jeder einzelnen ging er als Sieger hervor.

Auf dieser Aufnahme sieht man gut, wie Bruce mit seinem Unterschnabel in Richtung eines Artgenossen stößt (Video: Alex Grabham)

Bruce hat also offenbar aus der Not eine Tugend gemacht: Er setzt seinen ungewöhnlich geformten Schnabel, der ihm beim arttypischen Kampfverhalten Nachteile verschafft, einfach anders ein und ist dadurch der Konkurrenz überlegen. Und das hat für ihn der Studie zufolge wiederum einige Vorteile: So hat Bruce Vorrang an den Futterstationen im Wildpark und von allen Männchen die niedrigsten Stresshormon-Konzentrationen. Zudem ist er der einzige Kea, dem auch seine Geschlechtsgenossen das Gefieder pflegen.

Übrigens: Die „Lanzentechnik“ ist nicht die erste Verhaltensinnovation von Bruce, die Aufsehen erregt. Vor einigen Jahren berichteten Forschende in einer Studie, dass der Kea kleine Steine für die Körperpflege einsetzt. Unseren Artikel zur Studie finden Sie hier:  Körperpflege mit Steinen: Ein Kea ohne Oberschnabel weiß sich zu helfen.


Zur Fach-Publikation:
Grabham, A. A.; Hill, M. M.; Florent, S. N.; Eriksen, M.; Prokshina A.; Hill, J.; Thompson D.; Taylor, A. H. & Nelson, X. J. (2026): A disabled kea parrot is the alpha male of his circus. Current Biology.

Aus unserer Rubrik: „In aller Kürze“.

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