Akustische Verkleidung: Fledermäuse summen wie Hornissen, um Fressfeinde abzuschrecken

Geraten Große Mausohren in Bedrängnis, erzeugen sie ein charakteristisches Geräusch. Dieses ähnelt dem Summen wehrhafter Insekten und täuscht einer aktuellen Studie zufolge Fressfeinde der Fledermäuse: Sowohl Waldkäuze als auch Schleiereulen suchen das Weite, wenn sie die Laute hören. 

von Niklas Kästner

Ein männliches Großes Mausohr in typischer Kopfüber-Position
Ein männliches Großes Mausohr in typischer Kopfüber-Position (Foto: MissMhisi via Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 4.0, zugeschnitten)

Viele Tiere tragen zur Abschreckung von Fressfeinden die Warntracht wehrhafter oder ungenießbarer Arten, obwohl sie selbst völlig harmlos sind. Dieses als „Bates’sche Mimikry“ bezeichnete Phänomen lässt sich zum Beispiel bei verschiedenen Schwebfliegenarten beobachten. Und ein solche Täuschung funktioniert nicht nur in Bezug auf das Aussehen: Manche Arten ahmen die Geräusche von gefährlichen Tieren nach, um sich vor Feinden zu schützen. Im Rahmen einer aktuellen Studie an Großen Mausohren (Myotis myotis) entdeckten Forschende eine solche akustische Mimikry erstmals bei einem Säugetier.

Summende Fledermäuse

Große Mausohren erzeugen ein charakteristisches Summen, wenn sie in Bedrängnis geraten. Das brachte ein Forschungsteam um Leonardo Ancillotto und Danilo Russo auf eine Idee: Könnte es sein, dass die Fledermäuse die Laute aufgebrachter Bienen, Wespen oder Hornissen nachahmen, um ihre Feinde abzuschrecken?

Um das zu überprüfen, analysierten die Forschenden das Geräusch zunächst genauer und verglichen es mit dem Summen verschiedener Insektenarten. Dabei stellten sie fest: Insbesondere im Frequenzbereich, den für die Mausohren gefährliche Eulen wahrnehmen können, war die Ähnlichkeit zwischen dem Summen der Fledermäuse und dem von Hornissen verblüffend.

Summen verschreckt Eulen

In einem Experiment überprüften die Forschenden daraufhin, ob die Vögel sich tatsächlich vom Summen der Fledermäuse täuschen lassen. Dazu spielten sie Waldkäuzen und Schleiereulen verschiedene Laute von Fledermäusen und Insekten vor und beobachteten ihre Reaktion. 

Sie stellten fest, dass die Eulen auf die summenden Stresslaute der Mausohren genauso reagierten wie auf die Geräusche von Bienen und Hornissen: in allen Fällen entfernten sie sich vom Lautsprecher. Erklangen hingegen andere Rufe der Fledermäuse, näherten sich die Vögel diesem an.

Fazit

Die Studie lässt den Schluss zu, dass die „akustische Verkleidung“ der Fledermäuse Wirkung zeigt: Das hornissenähnliche Summen scheint ihre Fressfeinde tatsächlich zu täuschen. Das legt nahe, dass es sich beim Summen der Mausohren um eine Form von Schutzmimikry handelt, welche die Überlebenschancen der Tiere erhöht. Wie das konkret funktionieren könnte, erläutert Danilo Russo in einer Pressemitteilung zur Studie: Wird eine Fledermaus von einem Vogel gefasst und summt, könnte ihr selbst eine kurze Täuschung des Angreifers eine letzte Gelegenheit zur Flucht verschaffen.


Weitere spannende Beiträge über Tarnung im Tierreich.

Zur Fach-Publikation:
Ancillotto, L.; Pafundi, D.; Cappa, F.; Chaverri, G.; Gamba, M.; Cervo, R. & Russo, D. (2022): Bats mimic hymenopteran insect sounds to deter predators. Current Biology 32.

Weitere Literatur:
Cell Press Pressemitteilung (2022): These bats deter predators by buzzing like hornets.

Wenn Sie auf diesen Artikel verweisen möchten, können Sie das zum Beispiel so tun:
Kästner, N. (2022): Akustische Verkleidung: Fledermäuse summen wie Hornissen, um Fressfeinde abzuschrecken. ETHOlogisch – Verhalten verstehen (www.ethologisch.de, abgerufen am [Datum]).

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