„Freundschaften sind etwas Wunderbares!“

Wir haben mit Kate Kitchenham über ihr neues Buch zum Thema Tierfreundschaften gesprochen – und darüber, wie die enge Beziehung zwischen einer Gans und einem Hängebauchschwein sie zur Auseinandersetzung mit dem Thema inspiriert hat.

Kate Kitchenham - mit Schwein Bonnie und Gans Möp Möp im Hintergrund
Kate Kitchenham – mit Schwein Bonnie und Gans Möp Möp im Hintergrund (Foto: Vox, Fandango Film)

ETHOlogisch: Kate, in deinem aktuellen Buch „Tierisch beste Freunde“ schreibst du über Tierfreundschaften – also Beziehungen zwischen Tieren derselben Art und Tieren unterschiedlicher Arten. Warum hast du dieses Thema gewählt?

Kate Kitchenham: Das Thema hat mich schon immer fasziniert. Darum geht es ja auch in unserer gleichnamigen TV-Sendung, in der wir Freundschaften zwischen Tieren unterschiedlicher Arten vorstellen. Manche sind wirklich superinnig, andere sind eher Schicksalsgemeinschaften. Aber in jedem Fall sind die Tiere sehr vertraut und nett miteinander. Das heißt für mich, dass man sich mit den Gesichtern sehr nah kommt, dass man sich gegenseitig vielleicht auch leckt und knibbelt, oder dass man nah beieinander ruht.

„Die Existenz der einen war für die andere der Grund, sich wohl und sicher zu fühlen“

ETHOlogisch: Gab es ein Beispiel, dass dich besonders berührt hat?

Kitchenham: Ja, das war die Beziehung zwischen der Gans Möp Möp und dem Hängebauchschwein Bonnie, die gemeinsam auf dem Erdlingshof leben. Beide haben die Möglichkeit, zu Artgenossen zu gehen, aber im Zweifelsfall ziehen sie die Gesellschaft der jeweils anderen vor. Das zu sehen, fand ich wirklich beeindruckend. Und da kam ich ins Nachdenken: Wie kommt das? Wie kann es sein, dass zwei Tiere unterschiedlicher Tierklassen in der Lage sind, miteinander zu kommunizieren und so glücklich miteinander zu sein? Die Existenz der einen war für die andere der Grund, sich wohl und sicher zu fühlen. Die beiden sind gemeinsam über die Wiese gegangen und haben sich über Kontaktlaute ausgetauscht. Und dann geht die Hängebauchsau in ihre Suhle und legt sich hin, und die Gans geht dazu, legt sich daneben und knibbelt ihr noch ein bisschen die Borsten – und dann schlafen sie beide ein.

ETHOlogisch: Und sind die beiden zusammen aufgewachsen? Oder wie haben sie sich kennengelernt?

Kitchenham: Das war das Tolle an dem Buch, da hatte ich mehr Raum, die Beziehung der beiden besser einzuordnen. Also es ist keine zwingende Voraussetzung für das Entstehen einer artübergreifenden Freundschaft, aber oft ist es so, dass die Tiere die Kindheit oder extreme Lebenssituationen zusammen verbracht haben. Bei Bonnie und Möp Möp war letzteres der Fall: Sie wurden in verschiedenen Haushalten sichergestellt und ins Tierheim gebracht. Dort wurden sie zusammen in einer Box untergebracht – vermutlich, weil beide Bauernhoftiere sind.

„Ich glaube nicht, dass es zwischen jeder Gans und jeder Sau gefunkt hätte“

ETHOlogisch: Und dort haben sie sich „angefreundet“?

Kitchenham: Leider wusste niemand genau, wie das anfing. Aber ich stelle es mir so vor, dass zu Beginn wahrscheinlich jeder in seiner Ecke gesessen hat. Irgendwann haben sie sich dann aneinander gewöhnt und gelernt, das Verhalten des andern richtig zu deuten. Aber ich glaube nicht, dass es unbedingt zwischen jeder Gans und jeder Sau gefunkt hätte – es mussten schon Bonnie und Möp Möp sein. Es war also ein recht künstlicher Zustand, der die Tiere dazu gebracht hat, sich zu befreunden. Das ist häufig so – ein anderes Beispiel ist die Freundschaft zwischen einer Münsterländerhündin und einem Uhu. Den Uhu hat der Besitzer der Hündin, ein Falkner, in seinem Wohnzimmer mit der Hand aufgezogen. Und nun sind die beiden ganz innig miteinander.

„Zwischen Tier- und Menschenfreundschaften gibt es natürlich schon qualitative Unterschiede“

ETHOlogisch: Du gibst in deinem Buch einen tollen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung rund ums Thema „Tierbeziehungen“, sowohl in Bezug auf zwischenartliche als auch auf innerartliche Beziehungen. Dabei bleibst du stets wissenschaftlich korrekt. Uns ist aber aufgefallen, dass du dort, wo Raum für Interpretationen ist, einen recht wohlwollenden, romantischen Blick auf die Tiere hast – das ist überhaupt nicht negativ gemeint. Trotzdem möchten wir vor diesem Hintergrund fragen: Neben all den Gemeinsamkeiten zwischen Tier- und Menschenfreundschaften, die du betonst, wo siehst du die größten Unterschiede?

Kitchenham: Da gibt es natürlich schon qualitative Unterschiede – auch wenn ich im Buch eher auf die Gemeinsamkeiten eingehe. Zum Beispiel in der Art und Weise, wie ich Beziehungen reflektiere: Das ist mein Freund, den ich kenne, seit ich klein bin, von dem ich oft genervt bin, aber den ich wahnsinnig zu schätzen weiß, weil in meiner Großhirnrinde abgespeichert ist, in welchen Situationen wir uns aufeinander verlassen konnten und wann ich ihn anrufen kann, wenn es mir mal nicht gut geht. Aber die Unterschiede sind – um es mit Darwin zusagen – eher gradueller und nicht grundsätzlicher Natur.

„Auch bei uns Menschen gibt es Fälle von sehr merkwürdigen Bindungsmustern“

ETHOlogisch: Bei uns in Münster gab es einen ganz bekannten Fall, da hat sich ein schwarzer Schwan an ein Tretboot gebunden, das aussieht wie ein Höckerschwan. Die „Beziehung“ hielt ungefähr zwei Jahre und erfüllte vermutlich auch viele Kriterien einer Tierfreundschaft – aber natürlich war das eine ziemlich einseitige Geschichte.

Kitchenham: Das ist ein schönes Beispiel. Allerdings: Auch bei uns Menschen gibt es Fälle von sehr merkwürdigen Bindungsmustern. Manche verlieben sich in Gebäude oder Gegenstände. Ich glaube, so etwas gibt es auch im Tierreich – warum auch immer das entstanden ist, warum auch immer dieses Tretboot diesen Schwan so getriggert hat. Und sowohl bei Tieren als auch bei Menschen ist nicht jede Beziehung ausgewogen. Ich glaube zum Beispiel, dass Möp Möp viel mehr an Bonnie hängt als umgekehrt. Und wenn man sich Paarbeziehungen bei seinen Freunden anschaut, gibt es in jeder Beziehung einen, der viel mehr investiert – natürlich in unterschiedlich starker Ausprägung.

Schwan Petra mit ihrem” Tretboot (Foto: Meschede via Münster Wiki, Lizenz: GNU-FDL)

ETHOlogisch: Daran angelehnt: Dein Buch heißt „Tierisch beste Freunde“ und du verwendest meist den Begriff „Freundschaft“ für die Beziehungen, die du beschreibst. Könnte es sich in vielen Fällen nicht aber auch um so etwas wie Geschwister- oder Paarbeziehungen handeln? Bei Gänsen zum Beispiel bestehen ja sehr enge Bindungen zwischen einem Männchen und einem Weibchen.

Kitchenham: Absolut. Manche Freundschaften, die ich im Buch beschreibe, sind eher Paarbeziehungen. Aber in eurem Bekanntenkreis habt ihr sicher auch Freundschaften unterschiedlicher Qualität – und auch unterschiedlicher Motivation. Auch bei uns berührt Freundschaft häufig Bereiche, die wir sonst nur mit einem Partner teilen: Nähe, Innigkeit, Zärtlichkeit. Und neben Bonnie und Möp Möp gibt es natürlich auch Beispiele, wo die Tiere eher eine lose Bekanntschaft verbindet – so wie ich sie zu meinem Paketboten pflege.

„Positive Interaktionen zwischen verschiedenen Arten finden auch außerhalb von unserem Einfluss statt“

ETHOlogisch: Bei zwischenartlichen Beziehungen spielt ja der Mensch häufig eine gewisse Rolle, indem er die Tiere zusammenbringt. Wie viele Beispiele für solche artübergreifenden Freundschaften in der freien Natur hast du bei deiner Recherche gefunden?

Kitchenham: Da gibt es welche, allerdings meist in Form von Anekdoten. Ich habe für das Buch die ausgewählt, die auch in irgendeiner Form dokumentiert sind. Zum Beispiel hat der Feldforscher Günther Bloch mit einem Naturfotografen zusammen beobachten können, wie ein junger Wolf mit einem Bären spielt. Sie hatten ein T-Shirt gefunden, das vermutlich ein Tourist verloren hatte. Beide schienen gerade satt und ausgeglichen zu sein. Da hat der Bär angefangen mit diesem T-Shirt zu spielen und ist aufforderungsvoll auf den Wolf zu gehoppelt. Der hat es ihm dann geklaut, es aber direkt wieder fallen lassen, sodass sich der Bär das T-Shirt wieder geschnappt hat. Die beiden haben dann eine ganze Weile spielerisch interagiert. Das heißt jetzt nicht, dass sie befreundet sind. Aber es ist ein schönes Beispiel dafür, dass positive Interaktionen zwischen Tieren verschiedener Arten auch außerhalb von unserem Einfluss stattfinden können.

ETHOlogisch: In deinem Buch erwähnst du auch den Fall einer artübergreifenden Adoption bei Affen.

Kitchenham: Genau, das war in Brasilien. Da haben sich zwei Weibchen gemeinsam in der Aufzucht eines verwaisten Jungtiers einer anderen Affenart engagiert. Allerdings war es da letztlich so, dass das Jungtier irgendwann wohl nicht mehr mithalten konnte, weil die Adoptivfamilie viel schneller in den Bäumen unterwegs war. Aber zunächst haben die Weibchen das Jungtier richtig gesäugt und aufgezogen und auch das Alphamännchen der Gruppe hat mit ihm gespielt – und hat sein Verhalten an dieses im Vergleich zur eigenen Art viel kleinere Wesen angepasst.

ETHOlogisch: Du würdest aber schon anerkennen, dass artübergreifende Bindungen in freier Natur sehr selten sind?

Kitchenham: Ja, das sind einige wenige Beobachtungen – obwohl wir natürlich nicht wissen, wie oft sie vorkommen, weil wir sie wahrscheinlich ganz häufig gar nicht sehen.

„Vielleicht hat sie es auch extrem geliebt“

ETHOlogisch: Du beschreibst in deinem Buch viele harmonische Freundschaften zwischen Angehörigen verschiedener Arten. Allerdings gibt es auch Fälle, wo solche Beziehungen dann doch schiefgehen – zum Beispiel, wenn es um Raubtiere und potenzielle Beutetiere geht.

Kitchenham: Ich habe mich tatsächlich auf die Beispiele konzentriert, die funktioniert haben. Das liegt aber auch daran, dass es sich ansonsten häufig um Beziehungen handelt, die für die Medien inszeniert werden: Ein Orang-Utan mit einem Jagdhund, ein Löwe mit einem Dackel – und irgendwann hörst du nichts mehr von denen. Im Abschnitt Adoption beschreibe ich aber auch den Fall einer Löwin, die sich wiederholt um Antilopenkälbchen gekümmert hat. Die sind letztlich allerdings regelmäßig wieder verschwunden. Einmal konnte dokumentiert werden, dass die anderen aus dem Löwenrudel das Kalb getötet haben, ein anderes Mal stand im Raum, dass die Löwin selbst entschieden hat: Doch lieber essen.

ETHOlogisch: Wie erklärst du dir das?

Kitchenham: Bei Löwen kommt es ja oft zu Infantizid (Kindstötung, Anm. d. Red.), wenn die Löwenmännchen wechseln. Und wenn alle Welpen einer Löwin getötet werden, dann ist ihr körperlicher Zustand ja noch voll auf mütterliche Fürsorge ausgerichtet. Das heißt, die ist nicht verliebt in dieses süße Kälbchen – sondern es triggert gewisse Punkte bei ihr in ihrem hormonellen Ist-Zustand.

ETHOlogisch: Aber was sie dabei wirklich empfindet, wissen wir nicht.

Kitchenham: Nein, das wissen wir nicht. Vielleicht hat sie es auch extrem geliebt.

ETHOlogisch: Zumindest kurz.

Kitchenham: Sehr kurz. Und dann fing es plötzlich an wegzuhopsen – und hat plötzlich etwas anderes bei ihr getriggert.

„Was man nicht kennt, kann man sich nicht vorstellen“

Ethologisch: Liebe Kate, vielen Dank für das Gespräch! Gibt es zum Abschluss noch etwas zum Thema Tierfreundschaften, dass du loswerden möchtest?

Kitchenham: Hm… (überlegt). Ich finde, Freundschaften sind etwas Wunderbares, ohne das ich niemals leben könnte. Für mich macht es gar keinen großen Unterschied, ob es eine Freundschaft zu einem Menschen oder irgendeiner anderen Tierart ist. Beides hat seine Berechtigung. Man muss es nur kennenlernen dürfen – denn das, was man nicht kennt, kann man sich nicht vorstellen. Ich glaube, dass es noch viel für uns zu entdecken gibt, gerade was das Innenleben und die Fähigkeiten von Tieren anbelangt, und ich freue mich auf alles, was die Verhaltensforschung noch herausfindet!

Im ersten Teil des Interviews haben wir mit Kate Kitchenham über ihre Arbeit als Hundeexpertin gesprochen. Den entsprechenden Beitrag finden Sie hier.


Zur Person: Kate Kitchenham ist 46 Jahre alt und hat in Hamburg Biologie und Kulturanthropologie studiert. Sie ist seit ihrer Studienzeit als Journalistin tätig und seit 2014 auch als Fernsehmoderatorin im Einsatz. Darüber hinaus hat Kitchenham diverse Bücher und Artikel zum Thema Hundeverhalten veröffentlicht. Im April 2021 erschien ihr Buch „Tierisch beste Freunde“, in dem sie sich mit sozialen Beziehungen zwischen Angehörigen verschiedener Arten auseinandersetzt.

Transparenzhinweis:
Wir haben vom Verlag Droemer Knaur zwei kostenlose Rezensionsexemplare des Buchs „Tierisch beste Freunde“ von Kate Kitchenham erhalten. Das gab den Anlass, die Autorin zu interviewen, hatte aber ansonsten keinen Einfluss auf unsere Berichterstattung.

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Wenn Sie auf diesen Artikel verweisen möchten, können Sie das zum Beispiel so tun:
ETHOlogisch (2021): „Freundschaften sind etwas Wunderbares!“ – Interview mit Kate Kitchenham. ETHOlogisch – Verhalten verstehen (www.ethologisch.de, abgerufen am [Datum]).

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