Nacktmulle erkennen Gruppenmitglieder an ihrem Dialekt

Nacktmulle leben in großen Kolonien unter der Erde. Ein Forschungsteam machte in einer aktuellen Studie eine erstaunliche Entdeckung: Die kleinen Nager zwitschern in gruppeneigenen Dialekten – und erkennen daran sogar ihre Koloniemitglieder.

von Tobias Zimmermann

Zwitschern im Dialekt: Nacktmulle
Zwitschern im Dialekt: Nacktmulle (Foto: © Felix Petermann, Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin)

Nacktmulle (Heterocephalus glaber) leben in Kolonien von bis zu 300 Tieren in großen, unterirdischen Bauten in Ostafrika. Die kleinen Nagetiere sind nahezu blind – dafür kommunizieren sie über eine Vielzahl verschiedener Lautäußerungen und erfüllen ihre Behausungen fast ununterbrochen mit leisem Zwitschern, Piepsen oder Grunzen. Einer aktuellen Studie zufolge spricht dabei jede Kolonie ihren eigenen Dialekt, an dem sich die zugehörigen Tiere erkennen.

Jede Kolonie zwitschert anders

Um die Laute der Nacktmulle genauer zu erforschen, analysierte ein Team um Alison Barker und Gary Lewin das leise Zwitschern, mit dem die Tiere einander begrüßen. Dazu zeichneten die Forschenden über zwei Jahre insgesamt 36.190 dieser Zwitscherlaute von 166 Tieren aus sieben im Labor gehaltenen Kolonien auf. Für deren Analyse entwickelten sie ein auf maschinellem Lernen basierendes Computerprogramm, das anhand vorgegebener Beispiele lernte, bestimmte Muster und Zusammenhänge in den Lautmerkmalen zu erkennen.

Mithilfe des Programms ließen sich die Zwitscherlaute zuverlässig einzelnen Individuen zuordnen. Und nicht nur das: Die Auswertung ergab außerdem, dass die Laute innerhalb einer Kolonie besonders ähnlich klangen. Demnach begrüßt sich jede Kolonie offenbar auf ihre ganz eigene Art.

Das Forschungsteam zeichnete die Töne der Nacktmulle auf (Fotos: © Felix Petermann, Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin)

Nacktmulle erkennen Koloniemitglieder an ihrer Stimme

Aber können die Tiere zwischen eigenen und fremden Dialekten unterscheiden? Um diese Frage zu beantworten, setzten die Forschenden einzelne Nacktmulle in eine Versuchsapparatur. Darin konnten die Nager über Röhren in zwei Kammern gelangen, in denen entweder die leisen Zwitscherlaute eines anderen Nacktmulls zu hören waren oder Stille herrschte.

Dabei weckten die Zwitscherlaute großes Interesse: Die kleinen Nager hielten sich bevorzugt in der Kammer mit eingespielten Lauten auf – unabhängig davon, aus welcher Kolonie die Töne stammten. Allerdings erwiderten die Tiere das Zwitschern wesentlich häufiger, wenn es von einem Artgenossen aus ihrer eigenen Kolonie stammte. Das Gleiche war der Fall, wenn das Forschungsteam computergenerierte Zwitscherlaute im jeweiligen Dialekt der Kolonien abspielte. Diese Ergebnisse lassen darauf schließen, dass die Tiere einander tatsächlich am gruppeneigenen Dialekt erkennen.

Nacktmulle in der Versuchsapparatur (Video: © Felix Petermann, Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin)

Königinnen geben den Ton an

Das soziale Zusammenleben von Nacktmullen ist ähnlich organisiert wie das von Ameisen, Hummeln oder Bienen – und damit unter Säugetieren nahezu einzigartig. Jede Kolonie wird von einer Königin angeführt, die sich als einziges Weibchen fortpflanzt. Den Beobachtungen des Forschungsteams zufolge ist sie auch ausschlaggebend dafür, dass ein Dialekt erhalten bleibt: Nachdem eine Königin verstarb, unterschieden sich die Zwitscherlaute der übrigen Koloniemitglieder wesentlich stärker voneinander. Dadurch waren sie deutlich schlechter der jeweiligen Kolonie zuzuordnen. Erst wenn sich ein neues Weibchen als Königin etabliert hatte, bildete sich wieder ein einheitlicher Dialekt heraus.

Jungtiere lernen den Dialekt

In einem weiteren Experiment gingen die Forschenden der Frage nach, ob der Dialekt angeboren ist oder erlernt wird. Dazu gaben sie insgesamt drei verwaiste Jungtiere in die Obhut einer fremden Kolonie. Nachdem die Jungtiere ein Alter von sechs Monaten erreicht hatten, analysierte das Team ihre Zwitscherlaute mithilfe des Computerprogramms – das sie eindeutig der neuen Kolonie zuordnete. Daraus lässt sich schließen, dass die heranwachsenden Tiere den dortigen Dialekt übernommen haben.

Fazit

Die Studie offenbart erstaunliche Details über die Sprache der Nacktmulle: Die kleinen Nager zwitschern in gruppeneigenen Dialekten, anhand derer sie zwischen Mitgliedern ihrer Kolonie und fremden Artgenossen unterscheiden können. Dabei scheint die jeweilige Königin den Ton anzugeben.

Da Nacktmulle gegenüber Artgenossen aus fremden Kolonien äußerst aggressiv sind, haben die Dialekte als Erkennungsmerkmal vermutlich eine sehr wichtige Bedeutung. Es spricht vieles dafür, dass sich die Tiere bei Begegnungen anhand ihrer charakteristischen Zwitscherlaute vergewissern, ob sie es mit einem Koloniemitglied oder einem Eindringling zu tun haben.


Zur Fach-Publikation:
Barker, A. J.; Veviurko, G.; Bennett, N. C.; Hart, D. W.; Mograby, L. & Lewin, G. R. (2021): Cultural transmission of vocal dialect in the naked mole-rat. Science 371, 503–507.

Weitere Literatur:
Buffenstein, R. (2021): Colony-specific dialects of naked mole-rats. Science 371, 461–462.

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