Spaltung mündet in Krieg: Eine Schimpansengruppe teilt sich – und aus Freunden werden Feinde

Die Ngogo-Schimpansen in Uganda bildeten lange eine große Gemeinschaft – bis sie sich in zwei Gruppen aufteilten. Wie Forschende in einer aktuellen Studie berichten, kam es in der Folge zu tödlichen Auseinandersetzungen zwischen den einst vertrauten Tieren.

von Niklas Kästner

Männchen der neu entstandenen Westlichen Gruppe attackieren ein Männchen der neu entstandenen Zentralen Gruppe (Foto: Aaron Sandel)

Seit rund drei Jahrzehnten werden die Ngogo-Schimpansen (Pan troglodytes) im Kibale-Nationalpark im Rahmen einer Langzeitstudie erforscht. In den frühen 2010er Jahren umfasste die Gemeinschaft zwischen 150 und 200 Individuen – und war damit die größte bekannte Schimpansengruppe überhaupt. Die Tiere waren durch ein Geflecht von Beziehungen miteinander verbunden, sie durchstreiften ein gemeinsames Gebiet und pflanzten sich untereinander fort. Doch wie ein Team um Aaron Sandel und John Mitani in einer aktuellen Studie berichtet, kam es bald darauf zu einer drastischen Veränderung der sozialen Struktur der Gemeinschaft.

Aus einer Gruppe werden zwei

Die Forschenden beobachteten, wie sich unter den Ngogo-Schimpansen ganz allmählich zwei Untergruppen herauskristallisierten, deren Tiere besonders viel Kontakt miteinander hatten. Zunächst gab es dabei nach wie vor soziale Beziehungen zwischen den Mitgliedern dieser Untergruppen und die Zugehörigkeit mancher Schimpansen wechselte von Jahr zu Jahr. Doch von 2015 an nahmen die Verbindungen zwischen den Tieren dramatisch ab – und parallel dazu kam es zu ersten aggressiven Auseinandersetzungen. Im Jahr 2018 schließlich waren zwei gänzlich getrennte Gruppen entstanden, deren Mitglieder keine sozialen Beziehungen mehr miteinander pflegten, unterschiedliche Gebiete bewohnten und sich nicht untereinander fortpflanzten. Die sogenannte „Westliche Gruppe“ umfasste zu diesem Zeitpunkt 32 Tiere im Alter von mindestens zwölf Jahren, die sogenannte „Zentrale Gruppe“ 69 Tiere.

Angehörige der Westlichen Gruppe unternehmen eine Patrouille zur Zentralen Gruppe (Video: Aaron Sandel)

Angriffe auf einstige Gruppengenossen

Schimpansen zeigen gegenüber benachbarten Gruppen zuweilen ein Verhalten, das mit menschlicher Kriegsführung verglichen wird: Sie unternehmen Patrouillen entlang ihrer territorialen Grenze und in das Gebiet anderer Gruppen hinein und töten Artgenossen, die sie dort antreffen. Auch die Ngogo-Schimpansen haben in der Vergangenheit solche Angriffe unternommen und konnten ihr Territorium dadurch beträchtlich erweitern.

In den Jahren nach der Spaltung ließ sich dieses Verhalten nun auch zwischen den einstigen Mitgliedern der Ngogo-Gemeinschaft beobachten: Tiere der Westlichen Gruppe unternahmen immer wieder Patrouillen ins Gebiet der Zentralen Gruppe und griffen deren Mitglieder an. Im Verlauf von sechs Jahren töteten sie dabei mindestens sieben erwachsene Männchen und 17 Jungtiere. Dabei könnte die tatsächliche Opferzahl sogar noch deutlich höher liegen: Im gleichen Zeitraum verschwanden aus der zentralen Gruppe 14 weitere Männchen, ohne dass die Forschenden die Ursache ermitteln konnten. 

Tiere der Westlichen und der Zentralen Gruppe treffen aufeinander (Video: Aaron Sandel)

Fazit

Die Studie der Forschenden dokumentiert ein außergewöhnliches Phänomen: Eine Schimpansengemeinschaft teilt sich auf – und es kommt zu tödlichen Angriffen der einen Gruppe auf die andere. Besonders bemerkenswert ist, dass das Team den gesamten Prozess der Gruppenspaltung beobachten konnte: Eine allmähliche Abnahme der sozialen Beziehungen zwischen Teilen der Gemeinschaft, die letztlich zu einer kompletten Trennung führte.

Auch wenn eine solche Gruppenspaltung bei Schimpansen äußerst selten zu sein scheint, ist es nicht der erste beschriebene Fall. So beobachtete die Primatenforscherin Jane Goodall in den 1970er Jahren die Teilung einer Schimpansengemeinschaft im Gombe-Stream-Nationalpark, und auch dort kam es in den Folgejahren zu tödlichen Attacken durch Mitglieder der einen Gruppe auf Mitglieder der anderen Gruppe. Allerdings wurden die Tiere im Gombe mit zusätzlicher Nahrung versorgt, was Auswirkungen auf ihr Verhalten gehabt haben könnte. Die aktuelle Studie zeigt nun: Auch ohne Fütterung kann es dazu kommen, dass eine Schimpansengemeinschaft sich spaltet – und die Tiere im Anschluss daran ihre einstigen Gruppengenossen angreifen.


Zu den Fach-Publikationen:
Sandel, A. A.; He, Y.; Ren, J.; Kei, Y. L.; Lee, K. C.; Clark, I. R. (…) & Mitani, J. C. (2026): Lethal conflict after group fission in wild chimpanzees. Science.

Brooks, J. (2026): Civil war among wild chimpanzees. Science.

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