Anziehender Duft: Wie Störche zu frisch gemähten Wiesen finden

Frisch gemähte Wiesen bieten Weißstörchen ideale Bedingungen, um reiche Beute zu machen. Doch wie finden sie die begehrten Nahrungsgründe? Eine aktuelle Studie zeigt: Der Duft des geschnittenen Grases weist ihnen den Weg.

von Niklas Kästner

Werden von frisch gemähten Wiesen geradezu angezogen: Störche
Werden von frisch gemähten Wiesen geradezu angezogen: Weißstörche (Foto: Jos van der Deure via UnsplashJ

Wo Weißstörche (Ciconia ciconia) leben, lässt sich häufig ein besonderes Phänomen beobachten: Kaum hat die Mahd einer Wiese begonnen, sind die großen Vögel auch schon zur Stelle. Oftmals schreiten sie direkt hinter den Landmaschinen her – und müssen ihre aufgestörte Beute im geschnittenen Gras bloß noch einsammeln.

Doch woher wissen die Störche, wo in ihrer Umgebung gerade gemäht wird? Dieser Frage ging ein Forschungsteam um Martin Wikelski und Jonathan Williams in einer aktuellen Studie auf den Grund.

Erste Beobachtungen aus dem Flugzeug

Die Forschenden beobachteten etwa 70 Störche einer Brutkolonie in Böhringen am Bodensee. Um dabei den Überblick zu behalten, kreisten sie mit einem Flugzeug über dem Gebiet und beobachteten die menschlichen und tierischen Aktivitäten auf den Wiesen.

So stellten sie ein interessantes Muster fest: Begann auf einer Grasfläche die Mahd, machten sich längst nicht alle Störche im Umkreis auf den Weg. Stattdessen starteten bloß diejenigen, die sich in Windrichtung befanden – und das mitunter aus mehreren Kilometern Entfernung.

Daraus schlossen die Forschenden, dass die Störche die Gelegenheit zu reicher Beute keineswegs zufällig aus der Luft entdeckten. Vielmehr legte die Beobachtung nahe, dass die Vögel dem frisch geschnittenen Gras durch den vom Wind transportierten Geruch auf die Spur kamen. Dazu passte auch, dass sie umso später aufbrachen, je weiter entfernt sie von der Wiese waren.  

Ein Experiment

Mit einem Experiment überprüften die Forschenden ihre Hypothese: Auf vier ungemähten Wiesen versprühten sie aus einem tieffliegenden Ultraleichtflugzeug ein Gemisch aus Wasser und drei chemischen Verbindungen, die den Duft frisch geschnittenen Grases hauptsächlich ausmachen. Das Ergebnis: Neun Störche bzw. Storchgruppen näherten sich unabhängig voneinander den Grasflächen – und alle hatten sich zuvor in Windrichtung aufgehalten. Versprühten die Wissenschaftler*innen hingegen Wasser ohne jegliche Zusätze, ließ sich kein Storch blicken.

Fazit

Durch gezielte Beobachtungen und ein geschicktes Experiment entschlüsselten die Forschenden, wie Weißstörche zu frisch gemähten Wiesen finden: Sie folgen dem Duft des geschnittenen Grases. Dieses Ergebnis ist bemerkenswert – denn lange hat man dem Geruchssinn im Leben der allermeisten Vögel keine große Bedeutung beigemessen. Das Beispiel der Störche ist eins von mehreren aus der jüngeren Forschung, die diese Annahme ins Wanken bringen.

Zur Fach-Publikation:
Wikelski, M.; Quetting, M.; Cheng, Y.; Fiedler, W.; Flack, A.; Gagliardo, A. (…) & Williams, J. (2021): Smell of green leaf volatiles attracts white storks to freshly cut meadows. Scientific Reports 11: 12912.

Wenn Sie auf diesen Artikel verweisen möchten, können Sie das zum Beispiel so tun:
Kästner, N. (2021): Anziehender Duft: Wie Störche zu frisch gemähten Wiesen finden. ETHOlogisch – Verhalten verstehen (www.ethologisch.de, abgerufen am [Datum]).

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