„Vorsicht, Schlange!“ – Tannenmeisen verstehen artfremden Alarmruf

Japanische Kohlmeisen haben einen Alarmruf im Repertoire, den sie ausschließlich beim Entdecken einer Schlange von sich geben. Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Bedeutung des Rufs sogar Artgrenzen überwindet: Auch Tannenmeisen verstehen ihn.

von Niklas Kästner

Tannenmeisen verstehen artfremde Alarmrufe
Eine Tannenmeise (Foto: Oldiefan via Pixabay)

Warnrufe sind im Tierreich keine Seltenheit. Meist sind sie allerdings recht unspezifisch und warnen ganz allgemein vor einer Bedrohung. Nicht so bei Japanischen Kohlmeisen (Parus minor)1. Sie haben einen speziellen Alarmruf, den sie ausschließlich beim Entdecken einer Schlange von sich geben. Andere Japanische Kohlmeisen, die diesen Ruf hören, verstehen seine Bedeutung – das ergab eine Untersuchung des Wissenschaftlers Toshitaka Suzuki bereits vor zwei Jahren. Nun konnte der Forscher zeigen, dass der Ruf sogar artübergreifend verstanden wird: Auch Tannenmeisen (Periparus ater) ordnen die Warnung der Kohlmeisen richtig ein.

1 Die Meisen wurden lange als Unterart der Kohlmeise (Parus major) betrachtet, gelten aber nun als eigene Art. Es hat sich noch kein deutscher Name etabliert, deswegen verwenden wir in diesem Artikel die Bezeichnung (Japanische) Kohlmeise. 

Das Experiment

Um herauszufinden, ob die Meisen den artfremden Ruf verstehen, „befragte“ Suzuki sie in einem geschickten Experiment. Dabei machte er sich ein Verhalten der Vögel zunutze, das auf den ersten Blick verwirren mag: Sie reagieren auf Warnrufe nicht durch sofortige Flucht, sondern nähern sich dem rufenden Tier und der möglichen Bedrohung. Das gibt den Tieren die Möglichkeit, sich selbst ein Bild von der Situation zu machen. Dieses Phänomen ist in vielen Tiergruppen verbreitet und wird in der Fachliteratur als predator inspection („Raubtier-Inspektion“) bezeichnet.

Für den Versuch montierte Suzuki einen Lautsprecher auf einem Baum im gemeinsamen Lebensraum der beiden Meisenarten. Aus diesem spielte er Rufe von Kohlmeisen ab. Manchmal handelte es sich um den Schlangen-Alarmruf, manchmal um andere, unspezifische Warnrufe der Vögel. Näherte sich dem Lautsprecher daraufhin eine Tannenmeise, begann das eigentliche Experiment. Wussten die Tiere, wonach sie Ausschau halten mussten, wenn sie den Schlangen-Alarmruf hörten? Falls ja, sollten sie beim Erklingen dieses Rufs einem schlangenähnlichen Objekt höhere Aufmerksamkeit widmen als beim Erklingen der unspezifischen Warnrufe. Um das zu untersuchen, zog Suzuki einen Stock mit Hilfe einer Schnur in schlangenähnlichen Bewegungen den Baumstamm entlang und beobachtete die Reaktion der Meisen.

Das Ergebnis

Tatsächlich beeinflussten die abgespielten Rufe das Verhalten der Tannenmeisen auf unterschiedliche Weise. Hörten sie den Schlangen-Alarmruf der Kohlmeisen aus dem Lautsprecher, näherten sich 77 Prozent der Vögel dem Stock am Baumstamm bis auf einen Abstand von unter einem Meter, um ihn genau zu inspizieren. Hörten sie die unspezifischen Warnrufe, zeigten bloß 11 Prozent der Vögel diese Reaktion. Ein ähnliches Bild ergab sich in einem weiteren Durchlauf des Versuchs, in dem Suzuki den Stock nicht am Baumstamm entlang bewegte, sondern damit schlangenähnliche Bewegungen auf dem Boden ausführte.

Eine wichtige Kontrolle

Die Beobachtungen legen nahe, dass Tannenmeisen die Warnung der Kohlmeisen richtig einordnen: Hörten die Vögel im Versuch den Schlangen-Alarmruf, interessierten sie sich auffallend stark für den einer Schlange ähnelnden Stock. Allerdings gibt es bei dieser Interpretation einen Haken. Es könnte auch sein, dass der Ruf die Tannenmeisen bloß generell stärker in Alarmbereitschaft versetzt als die anderen Warnrufe. Möglicherweise reagieren sie dadurch insgesamt aufmerksamer auf Umweltreize – unabhängig davon, ob sie an eine Schlange erinnern oder nicht.

Diese Alternativ-Erklärung konnte Suzuki durch einen Kontrollversuch ausschließen. Dieser ähnelte dem eigentlichen Experiment. Allerdings bewegte der Forscher diesmal den Stock nicht schlangenähnlich über Stamm oder Boden, sondern ließ ihn an einem Strauch hin- und herschwingen. Das Ergebnis: Egal welcher Ruf abgespielt wurde, keine Meise inspizierte den Stock aus der Nähe. Der Schlangenruf erhöht also nicht generell die Aufmerksamkeit der Vögel.

Fazit

Insgesamt zeigt die Studie überzeugend, dass Tannenmeisen die Schlangen-Warnung der Japanischen Kohlmeisen richtig einordnen können. Suzuki selbst hat in seiner Veröffentlichung auch schon eine spannende Frage für weitere Untersuchungen ausgemacht: Ist das Verstehen des Schlangen-Alarmruf angeboren oder erlernen die Vögel seine Bedeutung erst im Laufe ihres Lebens?

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Zur Fach-Publikation:
Suzuki, T. N. (2020): Other species’ alarm calls evoke a predator-specific search image in birds. Current Biology 30: 1-5.

Weitere Literatur:
Suzuki, T. N. (2018): Alarm calls evoke a visual search image of a predator in birds. Proceedings of the National Academy of Sciences USA 115: 1541-1545.

Wenn Sie auf diesen Artikel verweisen möchten, können Sie das zum Beispiel so tun:
Kästner, N. (2020): „Vorsicht, Schlange!“ – Tannenmeisen verstehen artfremden Alarmruf. ETHOlogisch – Verhalten verstehen (www.ethologisch.de, abgerufen am [Datum]).

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