Verlieren männliche Schimpansen ihre Mutter vor der Pubertät, haben sie weniger Nachkommen

Schimpansen werden erst verhältnismäßig spät geschlechtsreif. Bis dahin pflegen sie einen engen Kontakt mit ihrer Mutter. Eine aktuelle Studie legt nahe: Verlieren Männchen ihre Mütter vor Eintritt der Geschlechtsreife, schmälert das ihren Fortpflanzungserfolg.

von Niklas Kästner

Männliche Schimpansen zeugen weniger Nachkommen, wenn sie ihre Mutter vor Eintritt der Geschlechtsreife verlieren
Männliche Schimpansen zeugen weniger Nachkommen, wenn sie ihre Mutter vor Eintritt der Geschlechtsreife verlieren (Foto: Hans Hillewaert via Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Junge Schimpansen (Pan troglodytes) werden bis zu einem Alter von knapp fünf Jahren gesäugt. Auch danach pflegen sie noch einen engen Kontakt mit ihrer Mutter, bis sie im Alter von etwa zehn bis zwölf Jahren geschlechtsreif werden. Stirbt eine Mutter vorher, haben ihre Nachkommen eine niedrigere Lebenserwartung. Eine aktuelle Studie zeigt darüber hinaus: Auch der Fortpflanzungserfolg ihrer Söhne ist geringer.

Die Studie

Ein Forschungsteam um Catherine Crockford und Roman Wittig griff für die Untersuchung auf Daten einer seit vielen Jahren erforschten Schimpansenpopulation im ivorischen Taï Nationalpark zurück. Die Wissenschaftler*innen ermittelten den Fortpflanzungserfolg von Männchen, die ihre Mütter im Alter von vier bis zwölf Jahren verloren hatten, und verglichen ihn mit dem von Artgenossen, deren Mütter bis zu ihrer Geschlechtsreife überlebten. Sie konzentrierten sich auf Männchen, da weibliche Schimpansen aus ihren Geburtsgruppen abwandern, wenn sie geschlechtsreif werden – und ihr weiteres Schicksal den Forscher*innen dadurch meist verborgen bleibt.

Das Ergebnis

Ein relativ früher Verlust der Mutter hing deutlich mit dem Fortpflanzungserfolg der Schimpansenmännchen zusammen. Tiere, die ihre Mutter vor der Pubertät verloren hatten, zeugten den ersten Nachwuchs durchschnittlich drei Jahre später als ihre Artgenossen mit überlebenden Müttern. Außerdem hatten sie insgesamt weniger Nachkommen, die bis zu einem Alter von zwei Jahren überlebten. Dabei wurde berücksichtigt, wie viele Chancen zur Fortpflanzung die Männchen hatten – das Ergebnis ist also unabhängig von Unterschieden in der Lebenserwartung.

Die Interpretation

Wie hängt der Tod der Mutter mit dem späteren Fortpflanzungserfolg der Männchen zusammen? Gebären Weibchen, die vergleichsweise früh sterben, Söhne von „schlechterer Qualität“? Das halten die Forscher*innen für wenig wahrscheinlich. Plausibler erscheint ihnen, dass junge Schimpansen vom anhaltenden Kontakt zu ihrer Mutter profitieren. Sie pflegt ihnen das Fell und gibt ihnen manchmal etwas von ihrer Nahrung ab. Außerdem bieten sich durch das Beisammensein etliche Möglichkeiten, von ihr zu lernen – sowohl in Bezug auf den Nahrungserwerb als auch auf das soziale Leben. Schimpansenmännchen, deren Mütter früher sterben, entgehen diese Vorteile.

Fazit

Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass der ausdauernde enge Kontakt zur Mutter den Fortpflanzungserfolg männlicher Schimpansen vergrößert. Das würde aus evolutionsbiologischer Sicht auch erklären, warum die Mütter so lange in ihren Nachwuchs investieren: Sie erhöhen die Chancen auf zahlreiche Enkelkinder.


Zur Fach-Publikation:
Crockford, C.; Samuni, L.; Vigilant, L. & Wittig, R. M. (2020): Postweaning maternal care increases male chimpanzee reproductive success. Science Advances 6: eaaz5746.

Weitere Literatur:
Stanton, M. A.; Lonsdorf, E. V.; Murray, C. M. & Pusey, A. E. (2020): Consequences of maternal loss before and after weaning in male and female wild chimpanzees. Behavioral Ecology and Sociobiology 74: 22.

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