Wundversorgung bei Ameisen: Arbeiterinnen helfen vor allem guten Bekannten

Rossameisen der Art Camponotus fellah versorgen die Wunden verletzter Koloniemitglieder – bis hin zu lebensrettenden Amputationen. Eine aktuelle Studie zeigt: Arbeiterinnen kümmern sich intensiver um Tiere, mit denen sie zuvor besonders viel Kontakt hatten.

von Niklas Kästner

Eine Rossameise der Art Camponotus fellah (Foto: Bart Zijlstra)

In den letzten Jahren haben Forschende um den Biologen Erik Frank Erstaunliches darüber herausgefunden, wie Ameisen sich medizinisch betätigen: So versorgen Matabele-Ameisen (Megaponera analis) infizierte Wunden von Artgenossen mit einem antimikrobiellen Drüsensekret; und Florida-Holzameisen (Camponotus floridanus), denen die entsprechende Drüse fehlt, führen bei Oberschenkelverletzungen Amputationen zur Infektionsbekämpfung durch.

In einer aktuellen Studie hat sich Frank gemeinsam mit Ebi Antony Geore, Alba Motes-Rodrigo und Laurent Keller angeschaut, welche Tiere innerhalb der Ameisengemeinschaft eigentlich die Wundversorgung übernehmen. Dafür beobachteten die Forschenden sechs Kolonien von Rossameisen der Art Camponotus fellah, die mit den Florida-Holzameisen nah verwandt sind. Mit Hilfe eines automatisierten Tracking-Systems erfassten sie die Bewegungen der Insekten über insgesamt 1.440 Stunden hinweg und gewannen so Daten zu beeindruckenden 787.986 sozialen Interaktionen. Zusätzlich werteten sie das Verhalten der Ameisen mithilfe von 450 Stunden Videomaterial manuell aus.

Szenen aus dem Versuch: Die blau markierte Ameise versorgt das verletzte Hinterbein der orange markierten Ameise (Video: Ebi George)

Das Team stellte dabei zunächst fest, dass es keine besonderen medizinischen Spezialisten in der Kolonie gibt, sondern Arbeiterinnen einer bestimmten Entwicklungsstufe die Wundversorgung übernehmen. Und zwar befassen sich die Tiere zu Beginn ihres Lebens vor allem mit der Brutpflege und erst später mit der Nahrungssuche. Während des Übergangs zwischen diesen Rollen sind sie besonders aktiv im Nest unterwegs – und genau in dieser Phase kümmern sie sich den Ergebnissen zufolge um die Wundversorgung.

Besonders interessant war aber ein weiterer Befund: Und zwar behandelten die Arbeiterinnen keineswegs jede verwundete Koloniegenossin, die ihnen über den Weg lief. Vielmehr kümmerten sie sich umso eher und umso intensiver um ein Tier, je öfter es ihnen in den Stunden vor der Verletzung begegnet war und sie mit diesem interagiert hatten. Wer wem hilft, hängt in Rossameisen-Kolonien also keineswegs allein vom Zufall ab – sondern auch von den sozialen Verbindungen zwischen den Tieren.  


Zur Fach-Publikation:
George, E. A.; Motes-Rodrigo, A.; Keller, L. & Frank, E. T. (2026): Social and spatial affinity drive wound care in ants. PNAS.

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Aus unserer Rubrik: „In aller Kürze“.

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