Profiteure des Shutdowns: Stadtvögel sangen im stillen Frühjahr 2020 leiser

Stadtvögel müssen meist gegen einen erheblichen Lärmpegel ansingen. In Folge der COVID-19-Epidemie wurde es im Frühjahr 2020 in vielen Städten ruhiger. Eine aktuelle Studie an Dachsammern in San Francisco zeigt: Die Vögel reagierten umgehend – und passten ihren Gesang an.

von Niklas Kästner

Im Fokus der Studie standen Dachsammern in San Francisco während des Shutdowns im Frühjahr 2020
Im Fokus der Studie standen Dachsammern in San Francisco (großes Foto: Falkenpost via Pixabay, zugeschnitten; kleines Foto: Skeeze via Pixabay, zugeschnitten)

Das Leben in Städten hält für Vögel einige Herausforderungen bereit. Dazu gehört auch die Belastung durch den mitunter erheblichen Lärmpegel. Viele Vögel reagieren darauf, indem sie lauter und mit höherer Frequenz singen – das verbraucht jedoch mehr Energie und häufig leidet die Qualität des Gesangs darunter.

In Folge der COVID-19-Epidemie wurde im Frühjahr 2020 in vielen Städten das öffentliche Leben heruntergefahren – mit der Konsequenz, dass der Verkehrslärm erheblich abnahm. Ein Forschungsteam untersuchte in einer aktuellen Studie, wie sich der Shutdown in San Francisco auf den Gesang von dort lebenden Dachsammern (Zonotrichia leucophrys) auswirkte.

Die Studie

Das Team um Elizabeth Derryberry, Jennifer Phillips und David Luther forscht schon seit einigen Jahren an den Auswirkungen von Verkehrslärm auf die Dachsammer-Population in San Francisco. Während des Shutdowns im April und Mai bot sich ihnen eine einmalige Gelegenheit: Sie konnten in einem riesigen „natürlichen“ Experiment untersuchen, welche Konsequenzen eine plötzliche Reduktion des städtischen Lärms hat.

Dazu nahmen sie im April und Mai die Gesänge männlicher Dachsammern in städtischen und eher ländlichen Gebieten im Großraum San Francisco auf. Zusätzlich bestimmten sie die Lautstärke des Hintergrundlärms und sammelten Daten zum Verkehrsaufkommen. Die Ergebnisse konnten sie mit Informationen vergleichen, die sie in den Jahren 2015 und 2016 im Rahmen anderer Untersuchungen gesammelt hatten.

Das Ergebnis

Der Shutdown führte zu einer erheblichen Reduktion des Verkehrsaufkommens. Als Beispiel: Die Golden Gate Bridge überquerten in dieser Zeit so wenige Fahrzeuge wie zuletzt in den 1950er Jahren. Gleichzeitig sank der Lärmpegel in den städtischen Gebieten deutlich – und glich sich dem in ländlichen Gebieten an, wo es zu keiner nennenswerten Veränderung kam.

Davon profitierten die Stadtvögel umgehend: Sie sangen während des Shutdowns wesentlich leiser als zuvor – und waren dennoch mehr als doppelt so weit zu hören. Gleichzeitig wuchs durch die Produktion auch sehr tiefer Töne das Frequenz-Spektrum des Gesangs. In ländlichen Gebieten, in denen der Shutdown kaum Auswirkungen auf den Verkehrslärm hatte, veränderte sich der Gesang der Dachsammern hingegen nur unwesentlich.

Fazit

Bisher gab es lediglich anekdotische Berichte über die positiven Folgen der COVID-19-bedingten Shutdowns für die Tierwelt. Die aktuelle Studie liefert dazu erstmals belastbare, wissenschaftliche Daten. Ihre eindrucksvollen Ergebnisse unterstreichen einmal mehr den Einfluss von menschengemachtem Lärm auf Tiere – und zeigen gleichzeitig, wie schnell diese unter Umständen auf verbesserte Bedingungen zu reagieren vermögen.

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Zur Fach-Publikation:
Derryberry, E. P.; Phillips, J. N.; Derryberry, G. E.; Blum, M. J. & Luther, D. (2020): Singing in a silent spring: Birds respond to a half-century soundscape reversion during the COVID-19 shutdown. Science 370: 575-579.

Wenn Sie auf diesen Artikel verweisen möchten, können Sie das zum Beispiel so tun:
Kästner, N. (2020): Profiteure des Shutdowns: Stadtvögel sangen im stillen Frühjahr 2020 leiser. ETHOlogisch – Verhalten verstehen (www.ethologisch.de, abgerufen am [Datum]).

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