Überraschung am Meeresgrund: Forschende entdecken riesige Brutkolonie von Krokodileisfischen im Südpolarmeer

Während einer Expedition mit dem Forschungsschiff „Polarstern“ machten Forschende in einem Bereich des Weddellmeers eine erstaunliche Entdeckung: Zahlreiche Nester von Krokodileisfischen, die auf einer Fläche von etwa 240 Quadratkilometern den Meeresboden bedeckten.

von Niklas Kästner

Krokodileisfische bewachen ihre Nester am Meeresboden.
Krokodileisfische bewachen ihre Nester am Meeresboden (Foto: AWI OFOBS Team, zugeschnitten)

Krokodileisfische (Familie Channichthyidae) leben in den kalten Gewässern des Südpolarmeers. Als einzige Wirbeltiere besitzen sie kein Hämoglobin – weshalb ihr Blut nahezu farblos ist. Zur Fortpflanzung legen die Fische Nestmulden am Meeresgrund an, in die sie ihre Eier ablegen.

Eine ungeahnte Zahl solcher Nester entdeckte nun ein Forschungsteam um Autun Purser und Frank Wenzhoefer während einer Expedition mit dem Forschungsschiff „Polarstern“. Dabei kam ein spezielles Kamerasystem zum Einsatz, das die Nestmulden am Grund des Weddellmeers in mehreren hundert Metern Tiefe sichtbar machte.

Mithilfe eines speziellen Kamerasystems beobachteten die Forschenden die Nestmulden am Meeresgrund (Video: AWI OFOBS Team, gekürzt)

Das Forschungsteam überfuhr die Brutkolonie mehrfach und zählte dabei 16.160 Nester. Achtzig Prozent davon waren offenbar aktiv, d.h. es lagen Eier darin, die meist von einem Krokodileisfisch der Art Neopagetopsis ionah bewacht wurden. Die Mulden mit einem Durchmesser von etwa 75 Zentimetern lagen dicht beieinander: Im Schnitt fanden sich auf zehn Quadratmetern zwei bis drei Nester.

Auf der Grundlage der erhobenen Daten schätzen die Forschenden die Gesamtgröße der Kolonie auf etwa 60 Millionen aktive Nester auf einer Fläche von 240 Quadratkilometern. Ihren Angaben zufolge wurde bei Fischen niemals zuvor eine Brutkolonie mit solchen Ausmaßen beschrieben.

Das Forschungsschiff „Polarstern“ (Foto: AWI – Tim Kalvelage, zugeschnitten; Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Das Team nimmt an, dass den zahlreichen Krokodileisfischen eine große ökologische Bedeutung zukommt. Zum einen gestalten sie durch ihre Grabaktivität den Meeresboden – und zum anderen dürften sie als Jäger und Beute in den Nahrungsnetzen des Weddellmeers eine wichtige Rolle spielen. Um mehr über die Vorgänge in der Kolonie zu erfahren, haben die Forschenden bereits weitere Maßnahmen ergriffen: In einem Bereich mit besonders vielen Fischnestern versenkten sie Kamerasysteme, die in einem Zeitraum von zwei Jahren täglich Aufnahmen vom Geschehen machen sollen.


Aus unserer Rubrik: „In aller Kürze“.

Zur Fach-Publikation:
Purser, A.; Hehemann, L.; Boehringer, L.; Tippenhauer, S.; Wege M.; Bornemann, H. (…) & Wenzhoefer, F. (2022): A vast icefish breeding colony discovered in the Antarctic. Current Biology 32.

Wenn Sie auf diesen Artikel verweisen möchten, können Sie das zum Beispiel so tun:
Kästner, N. (2021): Überraschung am Meeresgrund: Forschende entdecken riesige Brutkolonie von Krokodileisfischen im Südpolarmeer. ETHOlogisch – Verhalten verstehen (www.ethologisch.de, abgerufen am [Datum]).

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