Unglückshäher trauen längst nicht jedem

Einer aktuellen Studie zufolge täuschen Unglückshäher ihre Artgenossen zuweilen mit falschen Alarmrufen, um ihnen Nahrung zu stehlen. Daher verlassen diese sich längst nicht auf jede Warnung – es sei denn, sie stammt von einem vertrauten Tier.

von Tobias Zimmermann

Ein ziemlich kleiner Rabenvogel: Der Unglückshäher
Ein ziemlich kleiner Rabenvogel: Der Unglückshäher (Foto: Filipe Cunha)

Unglückshäher (Perisoreus infaustus) sind von der skandinavischen Halbinsel bis ins östliche Sibirien beheimatet. Sie leben in Gruppen aus einem Brutpaar und bis zu fünf weiteren Tieren, die sich ein gemeinsames Territorium teilen. Dabei setzen die Vögel auf ein gemeinschaftliches Alarmsystem: Durch spezifische Warnrufe machen sie ihre Gruppenmitglieder auf drohende Gefahren durch Fressfeinde aufmerksam.

Gelegentlich geben die Tiere solche Warnlaute allerdings auch von sich, obwohl gar keine Fressfeinde in Sichtweite sind. Dabei handelt es sich vermutlich um ein geschicktes Täuschungsmanöver, mit dem sie benachbarte Artgenossen vertreiben – und sich dadurch begehrte Nahrung erschleichen. Einer aktuellen Studie zufolge hat das Auswirkungen darauf, wem die Tiere trauen. Denn sie reagieren stärker auf die Warnrufe ehemaliger Gruppenmitglieder als auf die von fremden Artgenossen.

Die Studie

Die Forscher Felipe Cunha und Michael Griesser untersuchten in Nordschweden, ob die Reaktion wildlebender Unglückshäher auf Warnrufe von Artgenossen davon abhängt, in welcher Beziehung sie zu diesen stehen. Dazu versorgten die Wissenschaftler die Vögel an einer Futterstelle mit Nahrung. Sobald sich dort ein im jeweiligen Gebiet ansässiges Tier allein aufhielt, spielten sie über einen Lautsprecher zuvor aufgezeichnete Warnrufe eines Artgenossen ab. Diese stammten entweder von einem ehemaligen Gruppenmitglied oder von einem unbekannten Artgenossen aus einem weit entfernten Territorium. So hörten zwölf Vögel im Abstand von einigen Tagen jeweils einen der beiden Rufe. Mithilfe von Videoaufzeichnungen beobachteten die Forscher, wie die Häher darauf reagierten.

Zwei Unglückshäher an der Futterstelle (Foto: Filipe Cunha)
Die Ergebnisse

Es zeigte sich eindeutig, dass sich die Unglückshäher stärker auf die Warnrufe vertrauter Artgenossen verließen: Wenn die Laute eines früheren Gruppenmitglieds erklangen, flüchteten die Vögel in weniger als einer Sekunde von der Futterstelle, um sich in Sicherheit zu bringen – und im Schnitt erst nach rund sieben Minuten dorthin zurückzukehren. Bei den Warnrufen eines fremden Artgenossen machten die Vögel hingegen erst nach durchschnittlich neun Sekunden einen Abflug und suchten die Futterstelle anschließend im Schnitt bereits nach rund drei Minuten wieder auf.

Fazit

Die Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, dass sich Unglückshäher vorzugsweise auf Warnrufe von vertrauten Artgenossen verlassen. Dadurch vermeiden sie vermutlich, durch den Fehlalarm anderer Tiere getäuscht zu werden.

Ein weiteres Experiment der Forscher belegt, dass eine bloße Bekanntschaft nicht zu größerem Vertrauen führt: Wenn sie den Hähern Warnlaute von Artgenossen aus benachbarten Territorien vorspielten, reagierten die Vögel ebenso verhalten wie auf die Rufe völlig fremder Tiere.

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Zur Fach-Publikation:
Cunha, F. C. R. & Griesser, M. (2021) Who do you trust? Wild birds use social knowledge to avoid being deceived. Science Advances 7, eaba2862.

Wenn Sie auf diesen Artikel verweisen möchten, können Sie das zum Beispiel so tun:
Zimmermann, T. (2021): Unglückshäher trauen längst nicht jedem. ETHOlogisch – Verhalten verstehen (www.ethologisch.de, abgerufen am [Datum]).

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