Macht das Leben in Menschennähe Mäuse cleverer?

Hausmäuse leben seit Jahrtausenden in direkter Nähe zu Menschen. Eine aktuelle Studie legt nahe, dass sie sich an die besondere Umwelt angepasst haben: Die Tiere sind umso geschickter beim Ergattern von Futter, je früher sich ihre Vorfahren den Menschen anschlossen.

von Niklas Kästner

Hausmäuse, deren Vorfahren sich früh den Menschen anschlossen, sind besonders geschickte Problemlöser
Eine Hausmaus neben einem Legohaus (Foto: Milan Jovicic, Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, zugeschnitten)

Hausmäuse (Mus musculus) haben schon früh die Nähe zu Menschen gesucht – und sich als Kulturfolger von Eurasien aus über die ganze Welt verbreitet. Dabei lassen sich drei Unterarten unterscheiden, die sich den Menschen zu verschiedenen Zeitpunkten anschlossen: Vor 11.000-13.000 Jahren (M. m. domesticus), vor etwa 8.000 Jahren (M. m. musculus) und vor 3.000-7.600 Jahren (M. m. castaneus). Die unterschiedliche Dauer des Zusammenlebens mit den Menschen spiegelt sich einer aktuellen Studie zufolge in der Problemlösefähigkeit der Tiere wider.

Die Studie

Die Wissenschaftlerinnen Lara Vrbanec, Vanja Matijevic und Anja Günther untersuchten die Denkleistungen von insgesamt 148 Mäusen. Die Tiere stammten aus jeweils zwei wildlebenden Populationen der drei Unterarten und waren für einige Generationen in Menschenhand weitergezüchtet worden. Alle in der Studie eingesetzten Mäuse wuchsen also unter vergleichbaren Bedingungen auf – und die Forscherinnen konnten dadurch ausschließen, dass unterschiedliche Erfahrungen in den Ursprungsgebieten die Ergebnisse beeinflussten.

Insgesamt stellte das Team den Tieren sieben Problemlöseaufgaben, bei denen sie als Belohnung einen Mehlwurm ergattern konnten. Dafür mussten sie unter anderem einen Papierball aus einer Röhre entfernen, sich durch Sägespäne wühlen oder das Fenster eines Lego-Hauses öffnen.

Eine Hausmaus beim Lösen einer Aufgabe (Video: Milan Jovicic, Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie)

Das Ergebnis

Die Mäuse der drei Unterarten waren beim Lösen der Probleme unterschiedlich erfolgreich. Am besten schnitten die Tiere ab, deren Vorfahren sich den Menschen am frühesten anschlossen: Ihnen gelang es, einen Großteil der Probleme zu lösen. Am wenigsten Erfolg hatten die Mäuse, deren Vorfahren als letzte die Nähe zu Menschen suchten: Sie lösten im Schnitt weniger als die Hälfte der Aufgaben. Die Leistung der Mäuse der dritten Unterart lag genau dazwischen.

Fazit

Die Ergebnisse der Studie legen den Schluss nahe, dass sich bei Hausmäusen als Folge des Lebens in Menschennähe die Problemlösefähigkeit verbessert hat. Das Forschungsteam vermutet, dass es sich dabei um eine evolutionäre Anpassung an die von Menschen gemachte Umwelt handelt: Denn diese ist verhältnismäßig komplex und verändert sich rasch – da kann es von Vorteil sein, innovative Wege zu finden, um an Nahrung zu gelangen.

Gestützt wird die Vermutung des Forschungsteams durch die Ergebnisse einer weiteren Studie. Darin untersuchten die Wissenschaftlerinnen Valeria Mazza und Anja Günther die Problemlösefähigkeit von Brandmäusen (Apodemus agrarius) aus städtischen und ländlichen Gebieten. Das Ergebnis: Stadtmäuse waren geschickter als Landmäuse.


Zu den Fach-Publikationen:
Vrbanec, L.; Matijević & Guenther, A. (2021): Enhanced problem-solving ability as an adaptation to urban environments in house mice. Proceedings of the Royal Society B 288: 20202504.

Mazza, V. & Guenther, A. (2021): City mice and country mice: innovative problem solving in rural and urban noncommensal rodents. Animal Behaviour 172: 197-210.

Wenn Sie auf diesen Artikel verweisen möchten, können Sie das zum Beispiel so tun:
Kästner, N. (2021): Macht das Leben in Menschennähe Mäuse zu geschickteren Problemlösern? ETHOlogisch – Verhalten verstehen (www.ethologisch.de, abgerufen am [Datum]).

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