„Babysprache“ wirkt bei Pferden

Die Verwendung von „Babysprache“ im Umgang mit Kindern oder Haustieren wird häufig belächelt. Dabei zeigen Studien, dass sie sich durchaus positiv auf das Miteinander auswirken kann. In einer aktuellen Studie wiesen Forschende diesen Effekt erstmals auch bei Pferden nach.

von Tobias Zimmermann

Babysprache wirkt bei Pferden
Pferde reagierten in der Studie positiv auf „Babysprache“ (Foto: wal_172619 via Pixabay)

Wenn wir mit Kindern sprechen, verändern wir oftmals unwillkürlich unsere Tonlage und den Klang unserer Stimme – und sogar manche Fledermausmütter nutzen eine solche „Babysprache“. Viele Menschen verwenden diese besondere Redeweise auch gegenüber ihren Haustieren, was bei Außenstehenden manchmal für Belustigung sorgt. Doch Babysprache hat nachweislich positive Auswirkungen auf unsere Kommunikation sowohl mit Kindern als auch mit Hunden. Eine aktuelle Studie zeigt erstmals, dass das auch für den Umgang mit Pferden gilt.

Babysprache beim Kraulen

Ein Forschungsteam um Léa Lansade und Ludovic Calandreau untersuchte zunächst, wie sich die besondere Stimmlage während einer Streicheleinheit auswirkt. Dazu führte eine Wissenschaftlerin 20 weibliche Welsh-Ponys einzeln in eine Pferdebox und kraulte sie dort für 2 Minuten an der Schulter. Dabei sprach sie durchgehend mit den Tieren – entweder in Babysprache oder in neutraler Stimmlage. Anschließend analysierte das Team anhand von Videoaufzeichnungen das Verhalten der Ponys.

Das Ergebnis: Tatsächlich reagierten die Pferde wesentlich wohlwollender auf die Streicheleinheiten, wenn die Forscherin dabei in Babysprache mit ihnen redete. Sie schauten sie häufiger an, wichen seltener aus und revanchierten sich sogar häufiger mit einem freundlichen Knabbern.

Babysprache beeinflusst Reaktion auf Hinweise

In einem weiteren Test widmeten sich die Forschenden der Frage, ob die Sprechweise auch beeinflusst, wie Pferde die Hinweise eines Menschen beachten. Dazu betraten die Ponys erneut einzeln die Testbox. Dort platzierte eine Wissenschaftlerin zunächst vor ihren Augen eine Futterbelohnung in einem Eimer und verschloss diesen mit einem Deckel. Näherte sich das Pony dem Eimer, öffnete ihn die Forscherin und gab ihm die Belohnung.

Nachdem die Tiere die Belohnung wiederholt ergattert hatten, folgte der eigentliche Test. In diesem Fall konnten die Ponys in sechs Durchgängen jeweils zwischen zwei verschlossenen Eimern wählen – während die dahinter sitzende Wissenschaftlerin deutlich auf einen der beiden zeigte. Nur wenn das Pferd den gezeigten Eimer wählte, bekam es die darin befindliche Futterbelohnung. Bei der Hälfte der Tiere begleitete die Forscherin ihren Hinweis mit Babysprache, bei der anderen Hälfte in neutraler Stimmlage.

Wieder zeigte sich ein deutlicher Effekt der Redeweise: Waren die Hinweise auf die Futterbelohnung mit Babysprache gepaart, wählten die Pferde deutlich häufiger den gezeigten Eimer.

Fazit

Die Ergebnisse belegen, dass auch Pferde positiv auf Babysprache reagieren. Darum sprechen sich die Forschenden ausdrücklich dafür aus, die besondere Redensweise im Umgang mit Pferden einzusetzen. Das heißt: Wer zukünftig belächelt wird, weil er oder sie in höherer Stimmlage mit einem Tier redet, kann nun sogar mit wissenschaftlichen Argumenten dagegenhalten.


Zur Fach-Publikation:
Lansade, L.; Trösch, M.; Parias, C.; Blanchard, A.; Gorosurreta, E. & Calandreau, L. (2021): Horses are sensitive to baby talk: pet‑directed speech facilitates communication with humans in a pointing task and during grooming. Animal Cognition.

Wenn Sie auf diesen Artikel verweisen möchten, können Sie das zum Beispiel so tun:
Zimmermann, T. (2021): „Babysprache“ wirkt bei Pferden. ETHOlogisch – Verhalten verstehen (www.ethologisch.de, abgerufen am [Datum]).

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4 Kommentare

  1. sehr spannende Studie. Sie schreiben, dass auch Hunde auf Babysprache reagieren. Gibt es dazu ebenfalls wissenschaftliche Studien? (Welche?)

    1. Liebe Frau Heinemann,

      vielen Dank für Ihr Feedback!

      Bei Hunden ist dieses Phänomen tatsächlich sogar noch etwas besser untersucht. Was wir vereinfacht unter dem Begriff „Babysprache“ zusammengefasst haben, wird in der Fachliteratur als „infant-directed speech“ (im Zusammenhang mit Kindern) bzw. „pet-directed speech“ (in Zusammenang mit Tieren) bezeichnet.

      Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass pet-directed speech hilft, die Aufmerksamkeit von Hunden zu gewinnen und diese länger aufrechtzuerhalten. Außerdem suchten Hunde in einer Studie vermehrt die Nähe einer Person, wenn diese zuvor pet-directed speech verwendet hatte. In einigen Fällen waren diese Effekte v.a. auf Welpen begrenzt, in anderen reagierten aber auch erwachsene Hunde auf die besondere Sprechweise.

      Hier die direkten Literaturverweise auf die ewähnten Studien (allerdings möglicherweise nicht frei zugänglich):
      Ben-Aderet, T.; Gallego-Abenza, M.; Reby, D & Mathevon, N. (2017) Dog-directed speech: why do we use it and do dogs pay attention to it? Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences 284:20162429. https://doi.org/10.1098/rspb.2016.2429
      Jeannin, S.; Gilbert, C.; Amy, M. & Leboucher, G. (2017) Pet-directed speech draws adult dogs’ attention more efficiently than Adult-directed speech. Scientific Reports 7, 4980. https://doi.org/10.1038/s41598-017-04671-z
      Benjamin, A. & Slocombe, K. (2018) ‘Who’s a good boy?!’ Dogs prefer naturalistic dog-directed speech. Animal Cognition 21, 353–364. https://doi.org/10.1007/s10071-018-1172-4

      Ich hoffe, dass verschafft Ihnen einen guten Einblick in die Thematik.

      Herzliche Grüße
      Tobias Zimmermann

    1. Liebe Frau Recktenwald,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich stimme Ihnen zu: Das wäre wirklich interessant zu erfahren.

      Prinzipiell würden sich einige Merkmale der verwendeten „Babysprache“ vermutlich auch beim liebevollen Sprechen wiederfinden. Beispielsweise ergab eine Analyse des Forschungsteams, dass die Anwenderinnen der Babysprache in der Studie wesentlich langsamer mit den Ponys sprachen. Allerdings lässt sich anhand des gewählten Versuchsaufbaus nicht ermitteln, welche einzelnen Komponenten letztlich für die beobachteten Effekte sorgten. So könnte zum Beispiel auch die zugehörige Mimik eine Rolle gespielt haben.

      Interessanterweise können sich verschiedene Tierarten sehr darin unterscheiden, für welche Komponenten sie besonders „empfänglich“ sind, wenn ein Mensch mit ihnen kommuniziert. Bei Makaken scheint es beispielsweise vor allem die Tonhöhe zu sein, bei Hunden dagegen die Kombination aus verschiedenen sprachlichen, stimmlichen und mimischen Merkmalen der typischen Babysprache. Die Autor*innen der Studie vermuten, dass es bei Pferden ähnlich ist wie bei Hunden. Aber es wäre sehr spannend, das genauer unter die Lupe zu nehmen!

      Herzliche Grüße
      Tobias Zimmermann

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